Kolumne

Ausgabe 102 / August 2012

Etappensieg vs. Medaille

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André Greipel über seine Ziele bei Tour und Olympia

Schon lange vor ihrem Beginn wirft die Tour de France ihre Schatten voraus: Die gesamte Saisonplanung wird nach der großen Schleife ausgerichtet und die Mannschaft auf die drei Wochen in Frankreich eingeschworen. Gerade sitze ich im Auto auf dem Weg nach Lüttich, wo in ein paar Tagen der Startschuss zum Prolog fallen wird. Ein guter Zeitpunkt also, um eine Vorschau auf meine Höhepunkte in dieser Saison zu wagen: die Tour und Olympia.

Aber von vorne: Unser Jahr begann gut. Mit Greg Henderson gab es eine starke Neuverpflichtung für unseren Sprintzug und schon in den ersten Rennen konnten wir unter Beweis stellen, dass in dieser Saison mit uns zu rechnen ist. Leider ereilten uns aber auch einige Rückschläge: Jurgen Roelandts stürzte bei der Tour Down Under schwer, so dass wir lange auf ihn verzichten mussten. Auch bei den weiteren Klassikern folgte eine Pechsträhne der nächsten. Höhepunkt war sicherlich Paris-Roubaix, als ich innerhalb von 25 Kilometern gleich mit fünf Defekten zu kämpfen hatte – ich war wirklich frustriert. Ansonsten bin aber sehr glücklich mit dem bisherigen Saisonverlauf: Immerhin 13 Siege stehen schon auf meinem Konto. Auch wenn kein Erfolg bei einem großen Rennen dabei war, bin ich darauf wirklich stolz. Besonders der Erfolg gegen meinen Dauerrivalen Mark Cavendish bei der niederländischen ZLM Tour vor einigen Wochen macht mir für die Tour de France und auch für Olympia jede Menge Mut.

In Sachen Frankreich-Rundfahrt sind wir also wirklich gut vorbereitet. Unser Ziel ist es deshalb, in den Sprints dort ansetzen, wo wir zuletzt aufgehört haben: ganz vorne. Gerade nach dem Etappensieg im vergangenen Jahr möchte ich so einen Erfolg unbedingt wiederholen. Ich glaube, wir wären sehr enttäuscht, wenn wir das dieses Jahr nicht noch einmal schafften. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn ich denke, dass ich die beste Mannschaft der Welt an meiner Seite habe. Das hört sich jetzt vielleicht offensiv an, aber jeder einzelne Fahrer aus unserem Sprintzug kann selbst Rennen gewinnen. Und da wir uns auch abseits des Sattels sehr gut verstehen, harmonieren wir momentan wirklich bestens. Ich glaube daher, dass sich im Rennen auch viele andere Fahrer wie Sagan, Petacchi & Co. nach uns richten werden. Wenn ihr diese Zeilen lest ist die Tour natürlich schon in vollem Gange. Ich hoffe, dass sich mein jetziges Bauchgefühl dann auch bestätigt hat und wir unser Ziel bereits erreichen konnten.
 
Ein anderes Event, das seine Schatten bereits voraus wirft, ist natürlich das olympische Straßenrennen, das sechs Tage nach dem Ende der Frankreich-Rundfahrt stattfindet. Meine Nominierung zu den Spielen zeichnete sich im Vorfeld bereits ab und so war es vielleicht nicht mehr die ganz große Überraschung, als der BDR Ende Juni sein Aufgebot bekanntgab. Dennoch ist mein Start nun offiziell und für mich erfüllt sich ein echter Kindheitstraum, auf den ich sehr stolz bin. Zusammen mit einigen anderen Fahrern war ich auch bereits in England, um den Kurs zu besichtigen. Ich kann euch eines sagen: Leicht wird das nicht! Meiner Meinung nach haben Sprinter nur dann eine Chance, wenn sie Bergqualitäten mitbringen. Dazu kommt noch die Schwierigkeit ein Rennen über 250 Kilometer mit nur fünf Fahrern zu kontrollieren. Nichtsdestotrotz freue ich mich schon auf das „Abenteuer London“ und ich bin mir sicher, dass auch hier ein gutes Resultat und vielleicht sogar eine Medaille möglich ist.

Der Monat Juli besitzt für mich in diesem Jahr also einen ganz besonderen Stellenwert. Wenn sich meine Vorbereitung auszahlt und ich hoffentlich eine gute Verfassung habe, dann könnte bei beiden Rennen vieles möglich sein. Das Wichtigste ist natürlich, dass kein Sturz mehr dazwischenkommt. Drückt also die Daumen, dass alles gut läuft. Übrigens: Wenn ihr während der Tour direkt miterleben wollt, wie es mir geht, kann ich euch einen Blick auf meine Homepage www.andregreipel.com empfehlen. Dort werde ich ähnlich wie im vergangen Jahr regelmäßig von meinem Ausflug nach Frankreich berichten. Viel Spaß dabei!
 
André Greipel ist seit 2005 als Berufsfahrer im Peloton unterwegs. In diesem Jahr trägt der Rostocker das Trikot der belgischen Lotto-Belisol-Mannschaft. 

Procycling - Ausgabe 102 / August 2012



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