Kolumne

Ausgabe 103 / September 2012

Glücklose Premiere

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Ganz großer Mist – diese drei Worte beschreiben meine erste Tour-Teilnahme wohl am besten. Leider. Nach fünf Etappen krankheitsbedingt vom Rad zu steigen, war sicherlich nicht mein Plan – das könnt ihr mir glauben. Ich hätte mir die Zeit in Frankreich eigentlich ganz anders – positiver – vorgestellt, aber im Nachhinein kann man natürlich nichts mehr ändern.

Mittlerweile bin ich jedenfalls wieder gesund und das Thema Tour ist für mich abgehakt. Es bringt ja nichts, dem Ganzen lange hinterherzutrauern. Seit Mitte Juli gilt meine Konzentration nun der zweiten Saisonhälfte. Dennoch möchte ich euch meine Erlebnisse in Frankreich nicht vorenthalten und euch genau schildern, wie sich der „große Mist“ zugetragen hat: Noch während des ersten Abschnitts hatte ich richtig gute Beine und fühlte mich stark. Beim Abendessen merkte ich allerdings schon, dass etwas nicht stimmte: Ich brachte kaum einen Bissen herunter und schon kurze Zeit später nahm der Magen-Darm-Infekt seinen Lauf – mit allem was dazu gehört. Auf den folgenden Etappen fühlte ich mich entsprechend kraftlos. Ihr habt die Tour sicherlich verfolgt und das Meiste mitbekommen: Bei mir ging einfach gar nichts mehr und ich musste mich jeden einzelnen Kilometer quälen – auch im Flachen. Aber ich wollte einfach nicht aufgeben. „Es kommen auch wieder bessere Tage“, redete ich mir ein. Und tatsächlich: Ab dem vierten Tag ging es mir spürbar besser. Doch dann streikte mein Knie.

Es war wohl eine Überreizung in Folge des Magen-Darm-Infekts, auf jeden Fall hatte ich auf den 200 Kilometern bei jedem Tritt Schmerzen. Natürlich hoffte ich auch hier auf Besserung – doch am nächsten Morgen waren die Schmerzen noch schlimmer: Schon auf dem Weg vom Teambus zur Einschreibekontrolle konnte ich kaum treten. In der Neutralisation wurde ich dann im Feld ganz nach hinten durchgereicht und mir war schnell klar, dass ich die fünfte Etappe nicht überleben würde. Dennoch war ich lange hin- und hergerissen, ob ich aufgeben sollte oder nicht. Es war ja die Tour! Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr: Ich fuhr rechts ran und der Keks war gegessen. Im Anschluss saß ich entsprechend betroffen im Auto und fragte mich nach dem „Warum“ – kein schöner Moment.
 
Aber ich erlebte bei dieser Tour auch Positives. So weiß ich jetzt aus eigener Erfahrung, warum die Frankreich-Rundfahrt zu Recht das größte Radrennen der Welt ist. Alles ist einfach riesig: Die vielen Zuschauer, die enorme Medienpräsenz – unglaublich. Auf jedem Kilometer herrscht Gänsehautfeeling und die unzähligen Fans sorgen dafür, dass aus einer dreispurigen Straße schnell nur noch eine schmale Gasse wird. Auch wenn ich nur wenige Tage dieser Frankreich-Rundfahrt erlebt habe – es war ein unvergessliches Erlebnis. Ich hoffe nun einfach, dass ich nächstes Jahr wieder am Start stehe und eine neue Chance bekomme, meine mir gesetzten Ziele zu verwirklichen.

Nach meinem Ausstieg brauchte ich jedenfalls erst einmal eine Pause, um mich auszukurieren und etwas Abstand von dieser Enttäuschung zu gewinnen. Von daher versuchte ich auf andere Gedanken zu kommen und mich vollständig auf meine Genesung zu konzentrieren. Nach zwei Wochen war mein Knie schließlich wieder in Ordnung und ich konnte mit leichtem Training beginnen. Mein nächstes Ziel ist nun die Eneco-Tour. Während ihr dieses Heft zum ersten Mal lest, läuft die Rundfahrt in den Benelux-Staaten ja bereits. Aber erwartet noch nicht zu viel, schließlich kann ich noch nicht voll trainieren und muss meine Form erst langsam wieder aufbauen. Dennoch hoffe ich natürlich, dass im Sprint noch etwas Kraft in den Beinen steckt. Zu meiner weiteren Saisonplanung kann ich ansonsten allerdings noch nichts sagen. Fest steht, dass ich die Vuelta auf keinen Fall bestreiten werde – die kommt einfach noch zu früh. Aber wahrscheinlich werde ich dafür bis spät in den Oktober hinein Rennen fahren. Beim nächsten Mal kann ich euch dann hoffentlich schon wieder von erfreulicheren Ereignissen berichten!
 
Marcel Kittels Profi-Karriere startete Anfang 2011 bei Skil-Shimano. Mit 17 Siegen war der 24-Jährige aus Arnstadt erfolgreichster deutscher Sprinter der vergangenen Saison.

Procycling - Ausgabe 103 / September 2012



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