Kolumne

Ausgabe 106 / Dezember 2012

Unruhige Pause

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Der Herbst dient traditionell der Regeneration. Entsprechend locker verliefen meine letzten Wochen. Nachdem ich am 9. Oktober in Belgien beim Halbklassiker Putte-Kapellen mein letztes Rennen bestritten hatte, ließ ich es so entspannt wie möglich angehen. Es ging darum, abzuschalten und die anstrengende Saison hinter mir zu lassen. Darum nutzte ich den Rest des Monats auch mehr meine PlayStation aus, als dass ich auf dem Renner saß.

Dennoch war der Oktober nicht ganz so ruhig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ihr habt sicher alle die „Affäre Armstrong“ verfolgt. Was hier gerade aufgedeckt wird, macht mich sehr traurig. Ich erinnere mich noch genau an die Tour de France 2002. Meine Familie und ich waren damals live vor Ort. Am Fuße des Galibier hatten wir unser Lager aufgeschlagen, um die 16. Etappe hautnah mitzuerleben. Kurz vor dem Peloton fuhren wir etwas den Berg hinauf, um uns einen schönen Platz zum Anfeuern zu suchen, und es dauerte nicht lange, bis das Feld – angeführt vom Zug des damaligen US-Postal-Teams – an uns vorbei donnerte. Besonders begehrt bei den Zuschauern waren nach der Passage der Profis natürlich deren Trinkflaschen, die sie am Berg weggeworfen hatten. Auch wir ergatterten eine. Mein Vater meinte damals zu mir: „Trink lieber nichts – wer weiß, was da drin ist.“ Damals dachte ich nicht weiter über diesen Satz nach – heute beschäftigt er mich umso mehr.

Lance Armstrong war mehr als ein Jahrzehnt die schillernde Figur unseres Sports. Viele interessierten sich aufgrund seiner Geschichte für die Frankreich-Rundfahrt und einige begannen aufgrund seiner Erfolge selbst Rad zu fahren. Und nun wird dieser inspirierende Athlet als Lügner enttarnt. Viel größer kann der Imageschaden für eine Sportart nicht sein – es ist eine einzige Enttäuschung. Als ganz besonders schlimm und ungerecht empfinde ich, dass jetzt alle über einen Kamm geschert werden – egal welche Position man im Radsport einnimmt. Gerade für uns junge Athleten, die frisch in den Sport gekommen sind und sich saubere Ziele gesetzt haben, ist diese Situation äußerst unfair und sehr traurig. Daher kann es so auf jeden Fall nicht mehr weitergehen.

Aus diesem Grund glaube ich auch, dass es gut war, dass diese Geschichte nun auf den Tisch kam. Die Leute kapieren jetzt hoffentlich, dass sich etwas ändern muss. Der Sport muss einen neuen Weg einschlagen und die Anti-Doping-Maßnahmen müssen verbessert werden. Wichtig ist dabei, dass es nicht beim Reden bleibt – das hat schon der Festina-Skandal 1998 gezeigt. Damals sprach auch jeder von einem neuen Radsport und schon ein Jahr später kam jemand und zog mit seinem System einfach durch. Das darf nicht nochmal passieren. Es muss jetzt knallhart gehandelt werden. Egal ob Fans, Fahrer, Teams, Rennveranstalter & Co. – wir sitzen alle in einem Boot.
 
Nun aber wieder zu meinem persönlichen Sportlerleben. Wenn ihr dieses Heft in euren Händen haltet, befinde ich mich bereits in den Vorbereitungen für die kommende Saison. Dabei liegen gerade zwei angenehme Wochen hinter mir: Auf den niederländischen Antillen bestritt ich Anfang November das traditionelle Amstel Curaçao Race. Ich nahm schon 2011 an dieser Veranstaltung teil und habe daher an das Rennen selbst und die Zeit in der Karibik sehr gute Erinnerungen: dem Winter entfliehen und in der Wärme wieder locker mit dem Training zu beginnen – es gibt definitiv unangenehmere Wochen für einen Radprofi. Wie es mir auf Curaçao erging, erzähle ich euch dann beim nächsten Mal.
 
Marcel Kittels Profi-Karriere startete Anfang 2011 bei Skil-Shimano. Mit 17 Siegen war der 24-Jährige aus Arnstadt erfolgreichster deutscher Sprinter der vergangenen Saison.
 

Procycling - Ausgabe 106 / Dezember 2012



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