Kolumne

Ausgabe 107 / Januar 2013

Ein Auf und Ab

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Nur noch etwas mehr als einen Monat dauert es, dann beginnt in Australien das neue Radsport-Jahr. Auch wenn der Saisonstart 2013 mittlerweile schon näher ist, als das letzte Rennen des Jahres 2012 zurückliegt, so möchte ich diese Zeilen nutzen, um die vergangenen zwölf Monate noch einmal Revue passieren zu lassen.

Ich erinnere mich noch genau: Als ich im Winter mit den Vorbereitungen begann, war ich guter Dinge und sehr motiviert. Diese Euphorie war allerdings rasch verflogen, als ich mit der Erfurter Blutaffäre in Verbindung gebracht wurde. Auch wenn sich die Anschuldigungen bald aufklärten, so rückten sie mich dennoch in ein äußerst schlechtes Licht. Mich beschäftigte die Sache sehr und mein ganzes Frühjahr war davon überschattet. Nichtsdestotrotz konnte ich den ein oder anderen Sieg feiern. Der Knoten platzte allerdings erst beim Scheldeprijs Mitte April. Im strömenden Regen konnte ich mich hier in einem hart umkämpften Sprint durchsetzen und einen meiner schönsten Erfolge 2012 einfahren.

Nach einer kurzen Auszeit begann ich mit den Vorbereitungen auf die Tour de France. Meine erste Teilnahme an der Großen Schleife sollte mein großer Saisonhöhepunkt werden. Nachdem sich meine Beine in den Wochen zuvor immer besser anfühlten und ich einige wertvolle Siege einfahren konnte, war ich entsprechend motiviert, als ich zum Prolog nach Lüttich reiste. Doch auch hier löste sich meine Vorfreude nach kurzer Zeit in Luft auf: Bereits in der zweiten Nacht erwischte mich ein schwerer Magen-Darm-Infekt, sodass ich die Tour nach wenigen Tagen entkräftet und enttäuscht verlassen musste, ohne bei einer einzigen Sprintentscheidung mitgemischt zu haben. Zwar lief es im Herbst wieder gut und ich konnte mein Konto an Saisonsiegen immerhin noch auf 13 hinaufschrauben – die Aufgabe bei der Frankreich-Rundfahrt machten diese Erfolge allerdings nicht wett.

Die Saison 2012 war für mich also ein einziges Auf und Ab. Dennoch betrachte ich sie als gutes Jahr. Gerade wegen der Tiefpunkte sammelte ich wertvolle Erfahrungen, die mich im Leben weiterbrachten. Ich erfuhr, wer in meinem Umfeld wirklich hinter mir steht und kam einigen Leuten näher, die mir viel halfen. Auch als Charakter bin ich sicherlich gewachsen. In Zukunft wird mich ein schlechtes Erlebnis, wie beispielsweise das bei der Tour, nicht mehr so mitnehmen.
 
Nun aber zum aktuellen Geschehen und der kommenden Saison: Wie im vergangenen Winter reiste ich Anfang November für knappe zwei Wochen auf die Karibik-Insel Curaçao. Ich verbrachte hier mit einigen anderen Radprofis einen schönen Urlaub und konnte mich gut erholen. Meine Rückkehr in die Heimat bildete dann gleichzeitig auch den Startschuss für die Vorbereitungen auf das nächste Jahr.

Die Planungen für die neue Saison hängen na-türlich davon ab, ob unser Team das World-Tour-Ticket erhält. Wenn ihr dieses Heft in euren Händen haltet, ist die Entscheidung, ob wir dabei sind oder nicht, wahrscheinlich schon gefallen. Ich glaube aber nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen. Gerade im heute wichtigen Punkt Ethik haben wir einen großen Vorsprung und sollten den Vorzug gegenüber beispielsweise Saxo Bank erhalten. Auch in Sachen Punkte liegen wir vor den Dänen. Man stelle sich einmal vor, was für ein Signal die UCI aussenden würde, wenn sie Saxo Bank aufnehmen und uns ablehnen würde.

Sollten wir die Lizenz erhalten, so werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Tour Down Under wieder ins Renngeschehen einsteigen. Den Monat bis dahin verbringe ich größtenteils im Süden – unter anderem steht das offizielle Teamtrainingslager im Januar auf dem Programm, bei dem ich zum ersten Mal seit Langem wieder auf unser komplettes Team treffen werde.

Ein Jahreswechsel geht natürlich oft auch mit Veränderungen einher. Nach einem Jahr ist dies die letzte Ausgabe meiner regelmäßigen Kolumne. Ich hoffe, dass ich euch meinen Alltag als Radprofi so anschaulich wie möglich schildern konnte. Alles Gute und bis bald, euer Marcel!
 
Marcel Kittels Profi-Karriere startete Anfang 2011 bei Skil-Shimano. Mit 17 Siegen war der 24-Jährige aus Arnstadt erfolgreichster deutscher Sprinter der Saison 2011.
 
 

Procycling - Ausgabe 107 / Januar 2013



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