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Ausgabe 158 / April 2017

Romain Road

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Nach seinem zweiten Platz hinter Chris Froome bei der Tour de France 2016 verkörpert Romain Bardet die Hoffnung seines Heimatlandes auf das Gelbe Trikot. Procycling trifft ihn in Paris und spricht mit ihm über ländliche Wurzeln, wie man einen kühlen Kopf mit feurigem Renninstinkt verbindet und warum die Tour nicht das einzige Rennen in seiner Welt ist.

Die „Tour de France“ der Wandergesellen war ein mittelalterlicher Initiationsritus für junge Handwerker, eine in groben Zügen vorgegebene Reise, die über 2.300 Kilometer rund um das Zentralmassiv und durch diverse Städte führte. Die Gesellen wanderten vier oder fünf Jahre lang von Ort zu Ort, blieben überall ein paar Wochen und erlernten die örtlichen Besonderheiten ihres Handwerks, bevor sie weiterzogen. Auf ihrer Tour wurden die Gesellen von ihrer jeweiligen Handwerksgilde – Zimmermänner, Maurer oder Steinmetze – aufgenommen und nannten sich Compagnons du Tour de France. Am Ende kehrten sie nach Hause zurück. Nicht nur, weil Romain Bardet ein Protagonist der modernen Tour de France ist, fühlt er sich wie eine zeitgenössische Version eines Compagnon. Auch nicht, weil er aus der Region Auvergne stammt, die einen großen Teil des Zentralmassivs abdeckt, obwohl diese Tatsache sehr wichtig für ihn ist. Die Notwendigkeit, in die Welt hinaus zu ziehen und dann wieder nach Hause zurückzukehren, ist ein zentraler Teil seines Charakters. „Die Auvergne ist chez moi“, sagt er gegenüber Procycling. „Es ist eine wichtige Region für mich, denn dort habe ich meine Wurzeln. Ich reise über die ganze Welt, aber ich habe diesen Fixpunkt, der stabil ist und sich nicht bewegt. Es ist mein Terroir, meine Identität. Wenn ich chez moi bin, fühle ich mich wohl.“

Die Auvergne ist eine ländliche Gegend, die weder zum gebirgigen Osten noch zum atlantischen Westen zählt, weder zum fruchtbaren Norden noch zum mediterranen Süden. Früher bestand sie aus den vier Départements Puy-de-Dôme, Cantal, Haute-Loire und Allier, doch 2016 wurde sie mit den im Osten angrenzenden Gegenden zur Region Auvergne-Rhône-Alpes zusammengefasst, die sich bis zur östlichen Grenze Frankreichs erstreckt. Die Auvergne ist dünn besiedelt und zählt zu den ärmeren Regionen Frankreichs. Die Landschaft ist ein Hochplateau, kombiniert mit vulkanischen Gipfeln und Kegeln, die mit saftig grünen Feldern und Wäldern bedeckt sind. Die Straßen sind ähnlich wie die Menschen in der Auvergne: hart, doch es lohnt sich, sie zu erobern. „Es ist das beste Training für mich dort“, sagt Bardet. „Es ist schön, grün und wild. Und sehr hügelig, was gut für meine Entwicklung als Kletterer war. Meine Entwicklung zum Rennfahrer hat in diesen Hügeln stattgefunden, und ich muss während der Saison regelmäßig dorthin zurückkehren.“ Bardet ist in Brioude geboren und aufgewachsen, einer Kleinstadt im Süden der Region, wo seine Großeltern Landwirtschaft betrieben. Wie wichtig Bardets Wurzeln für seinen Radsport sind, sieht man vielleicht auch daran, dass er seinen ersten Top-Sechs-Platz bei einem WorldTour-Rennen auf der 3. Etappe von Paris–Nizza 2013 holte, die in Brioude endete. Bardet lebt heute in Clermont-Ferrand, der Hauptstadt der Region, gleich weit entfernt von den Straßen, auf denen er gerne fährt, und den Freunden, die er für seine Bodenhaftung braucht. „Ein Auvergnat ist jemand, der sein Terroir und seine Identität liebt. Die Leute sind ein bisschen knorrig; es sind Landmenschen, und sie reden nicht viel, wenn man sie kennenlernt. Aber wenn sie jemanden akzeptiert haben, sind sie sehr großzügig.“ Er fügt hinzu: „Ich bin Auvergnat, natürlich. Aber ich bin in der Mitte konzentrischer Kreise. Ich fühle mich auch französisch und ich fühle mich europäisch. Es ist im Moment sehr wichtig, das zu sagen.“

Bardets Besonnenheit ist das unbewegliche Objekt, auf das der Druck und die Kraft der Erwartungen des französischen Publikums bald treffen werden. Er war Zweitplatzierter hinter Chris Froome bei der Tour de France 2016 und der einzige Favorit neben Froome, der seinen Rivalen auf den Bergetappen nennenswerte Zeit abnehmen konnte. In den Pyrenäen und als es in die Alpen ging, herrschte ein Patt zwischen Froome, Bardet, Nairo Quintana, Richie Porte und Bauke Mollema – jedenfalls eine Weile. Froome startete keine Angriffe bei Bergankünften wie bei seinen früheren Toursiegen, und die Abstände zwischen den Fahrern betrugen nur Sekunden. Froome fuhr seinen Vorsprung vor allem beim Zeitfahren in der Ardèche heraus, außerdem war der Brite bei der Talankunft in Luchon und bei Seitenwind in Montpellier besser auf Zack als die Konkurrenz. Aber auf der vorletzten Bergetappe nach Saint Gervais, Mont Blanc, attackierte Bardet in der Schlussabfahrt mit seinem Teamkollegen Mikaël Cherel. Cherel gab alles, um Bardet einen möglichst großen Vorsprung zu verschaffen, wobei dem Franzosen auch zugute kam, dass die Gruppe der Favoriten zögerte, nachdem Froome zuvor gestürzt war. Bei der Bergankunft verteidigte er seinen Vorsprung und nahm seinen Rivalen eine halbe Minute ab. Diese Tatsache und eine starke Vorstellung beim Zeitfahren in Megève am Vortag zementierten seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung. Es war ein großartiges Resultat, aber jetzt erwartet Frankreich viel von ihm. L’Equipe widmete Bardet die Titelseiten am Freitag („Bardet zieht es durch“, lautete die Überschrift sinngemäß), am Samstag („Heldenhaft“) und am Sonntag („Auf einer Wolke“). Erst am Montag schaffte es der eigentliche Sieger, Froome, auf die erste Seite der Zeitung. Es gab sogar eine Pressekonferenz für Bardet nach der traditionellen Pressekonferenz für den Gewinner des Gelben Trikots.

Die französische Durststrecke ist tief im Gewebe des Radsports verankert. Bernard Hinault gewann das Gelbe Trikot 1985, und die 31 Jahre seitdem waren eine Glockenkurve von Platzierungen in der Gesamtwertung. Französische Fahrer waren 1986 Zweiter, 1987 Dritter und 1989 wieder Zweiter. Dann schnitten sie in den 1990ern und 2000ern schlechter ab; der Tiefpunkt kam 2007, als Stéphane Goubert auf dem 27. Rang bester Franzose in der Gesamtwertung war. Seitdem geht es bergauf, und die Gastgebernation war bei den letzten drei Frankreich-Rundfahrten zweimal Zweiter (Bardet sowie sein einstiger Teamkollege Jean-Christophe Péraud 2014). Der Druck auf Bardet ist immens, zumal er bester Franzose bei drei der letzten vier Großen Schleifen war. Aber es scheint an ihm abzuperlen. Bei den letzten Frankreich-Rundfahrten haben sich Thibaut Pinot und Bardet als Kandidaten für die Gesamtwertung hervorgetan. Anfangs schien Pinot talentierter zu sein. Frühreif und quicklebendig, wurde der Kletterer 2012 Zehnter und 2014 Dritter. Aber er ist auch der Temperamentvollere und schien den Druck der einheimischen Fans und Medien bei Weitem nicht so gut auszuhalten wie Bardet. Es stimmt, dass Pinots rasche Entwicklung Bardet vor Druck bewahrte – obwohl beide 1990 geboren wurden, beendete Pinot die Tour auf dem zehnten Platz, bevor Bardet bei dem Rennen überhaupt angetreten war. Aber es stimmt auch, dass Bardet von seinem Temperament her besser geeignet ist, dem Druck standzuhalten, als Pinot. Es perlt an ihm ab, obwohl es sehr aufreibend sein muss. Procycling sah Bardet im letzten Jahr gegen Ende des Rennens zum Start einer Etappe rollen, und Dutzende Fans streckten ihre Arme über den Zaun, um ihn zu berühren.

„Der Druck ist unvermeidlich. Die Franzosen warten seit Bernard Hinault“, erklärt Bardet. „Ich weiß nicht, ob der nächste französische Sieger derzeit unter uns ist. Es ist nicht die Herausforderung meines Lebens, die Tour zu gewinnen, weil ich den Sport mag, und ich mag mein Leben trotzdem, auch ohne Toursieg. Das Wichtige für mich ist, mit meinen eigenen Werten und Überzeugungen Erfolg zu haben. Es gibt noch mehr in meinem Leben außer dem Rennrad. Natürlich spielt der Radsport in meinem Leben eine sehr große Rolle, aber es gibt noch andere Dinge. In meinem engsten Freundeskreis reden wir nie über Radsport, und das hilft, es alles nüchtern zu betrachten. Der Radsport definiert mich nicht. Ich bin nur Rennfahrer. Ich bin kein Genie. Ich habe keinen Impfstoff erfunden. Ich weiß, dass Sport für viele Leute sehr emotionsgeladen ist. Aber es ist nur Sport.“ So wie Bardet bei einigen Rennen im letzten Jahr agierte, kann man sich fragen, ob der kühle Kopf, den er außerhalb des Sports bewahrt, in der Hitze des Gefechts nicht durch einen emotionaleren Wesenszug ersetzt wird. Beim Critérium du Dauphiné war er auf der vorletzten Etappe, die mit einer Bergankunft in Méribel Les Allues endete, mit Pinot in der Ausreißergruppe gewesen. Obwohl er mit 1:34 Minuten Rückstand in die Etappe gegangen war, setzte er Spitzenreiter Froome unter Druck und hatte zwischenzeitlich drei Minuten herausgefahren. Statt mit Pinot zusammenzuarbeiten und sich die Beute zu teilen – Etappensieg für Pinot und Zeitgewinn für Bardet –, griff Bardet Pinot drei Kilometer vor dem Ziel an, was den Rhythmus der beiden durcheinanderbrachte und Pinot veranlasste, die Zusammenarbeit einzustellen. Pinot gewann die Etappe trotzdem, aber Bardets Vorsprung war geschrumpft. Er beendete den Tag mit 21 Sekunden Rückstand, dann rangierte er dank eines kleinen Gewinns und einer Zeitgutschrift am nächsten Tag in der Schlusswertung zwölf Sekunden hinter Froome. Hätte er die Ruhe bewahrt und mit Pinot zusammengearbeitet, hätte er die Dauphiné durchaus gewinnen können. Dann nahm er bei der Tour 50 Meter vor der Linie die Beine hoch und zelebrierte seinen Etappensieg. Da der zweite Platz in der Gesamtwertung heiß umkämpft war, wäre die weniger riskante Strategie gewesen, das Tempo hochzuhalten und auf der anderen Seite der Linie zu jubeln. „Die beiden Situationen waren unterschiedlich“, erklärt Bardet. „Bei der Dauphiné war ich ein bisschen nervös; ich hatte in der Saison noch nichts gewonnen. Ich wollte gewinnen und dachte, dass unser Vorsprung im Anstieg nicht groß genug war – Sky war dabei, Zeit gutzumachen. Ich dachte nicht an die Gesamtwertung. Bei der Tour war ich im Begriff, die Etappe zu gewinnen, und wollte den Moment auskosten und später an die Gesamtwertung denken. Mein erster Etappensieg bei der Tour in Saint-Jean-de-Maurienne [2015] ging sehr schnell vorbei, und dieses Mal wollte ich es genießen.“

Bardet fährt nach Gefühl, und alles, was er bei einem Rennen macht, ist improvisiert. (Wobei die besten Improvisateure in der Musik oder einem anderen Bereich meist auf perfekte Technik, umfangreiche Praxis und gewissenhafte Analyse bauen können.) Seine Alpen-Attacke mit Cherel im letzten Jahr ergab sich aus den Umständen der Etappe und seinem Gefühl in jenem Moment, nicht aus irgendeiner Planung. „Ich habe aus den drei Frankreich-Rundfahrten, die ich vor 2016 bestritten habe, gelernt, dass du viel Geduld brauchst“, sagt er. „Du musst auf den richtigen Moment warten. Gleichzeitig weißt du es in dem Moment nie, ob es der richtige Moment ist, aber ich wusste, dass ich angreifen würde. Während des Rennens ist es wichtig, sich nicht von Emotionen stressen zu lassen und sich die Spontaneität zu bewahren. Nicht auf das Wattmessgerät zu schauen, sondern deinem Training zu vertrauen. Bei einem Rennen ist es nicht meine Herzfrequenz, sondern mein Gefühl und die Steigung, die mir meinen Rhythmus vorgibt. Im Leben bin ich sehr rational. Ich plane mein Training. Ich ernähre mich richtig. Ich analysiere. Aber wenn du in ein Rennen gehst, ist das Training vorbei. Um Spitzensportler zu sein, musst du sehr organisiert sein, aber in einem Rennen musst du fähig sein zu …“ Bardet unterbricht sich und versucht zu erklären, wie er bei einem Rennen vorgeht. „Es ist der Augenblick, und entweder weißt du das oder nicht. Es ist Inspiration. Aber es ist auch die Erfahrung früherer Jahre. Alle meine Siege beruhen nicht auf Anflügen von Wahnsinn, aber zumindest auf Intuition. Im Wettkampf bekomme ich einen Schub. Es ist mehr als nur körperlich. Es kommt von einer Verbindung zwischen den Gefühlen, die ich habe, der Wahrnehmung, wie weit es noch ist, und meiner Fähigkeit, stark zu sein. Ich war bereits Sechster der Tour geworden“, sagt er über seinen Angriff in Saint Gervais. „Es war das Podium oder nichts. Ich musste den nächsten Schritt machen. Ich glaube, Zweiter war der bestmögliche Platz für mich im letzten Jahr, für meine Fähigkeiten und unter diesen Umständen. Es war klar, dass ich Froome nicht schlage.“
Und die Tour zu gewinnen? „Was ich mir vorstellen kann, ist, dass ich ein besserer Fahrer werde. Das heißt nicht, dass ich die Tour gewinne. Aber ich arbeite hart daran, ein besserer Fahrer zu werden.“

Procycling - Ausgabe 158 / April 2017



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Die Tour ist nicht das A und O von Bardets Ambitionen. Obwohl er nicht sehr oft gewinnt, ist er das ganze Jahr beständig. Er startet stark in jede Saison, fährt normalerweise eine gute Tour de France (sogar in seinem „schlechten“ Jahr 2015 gewann er eine Etappe und wurde Neunter) und beendet die Saison stark. 2016 war er Zweiter der Oman-Rundfahrt im Februar, Zweiter der Tour und Vierter der Lombardei-Rundfahrt im Oktober. „Mein physisches Niveau ist das ganze Jahr über gut, obwohl ich einen kleinen Formhöhepunkt für die Tour de France habe“, sagt er. „Viele Fahrer sind das ganze Jahr über in guter Form und auf einem sehr ähnlichen Niveau, und ich glaube, das zeigt, dass der Radsport gesünder ist.“
Bardets vierter Platz bei der Lombardei-Rundfahrt 2016 war sein bisher bestes Resultat bei einem Klassiker, obwohl er auch gute Ergebnisse bei Lüttich–Bastogne–Lüttich vorzuweisen hat, darunter einen sechsten Platz im Jahr 2015. Sieht er bei den Eintagesrennen Raum für größere Erfolge? „Die Klassiker motivieren mich auch. Da würde ich auch gerne eine große Leistung abliefern. Radsport ist nicht nur die Tour, und ich liebe den Sport und finde es wichtig, diese Rennen zu respektieren. Es wäre ein unglaubliches Gefühl, einen Klassiker zu gewinnen; vielleicht noch besser als eine Tour-Etappe. Ich bin froh, dass ich Tour-Etappen gewonnen habe, und sie waren wichtig in Frankreich, aber ich würde liebend gern ein Monument gewinnen. Ich bin Lüttich viermal gefahren und war viermal vorn. Jedes Mal lerne ich etwas dazu. Du brauchst Erfahrung und musst taktisch fahren können, denn einen Klassiker gewinnst du nicht nur mit körperlicher Kraft. Am Ende eines solchen Rennens hast du oft zehn Fahrer, die alle auf einem sehr ähnlichen Niveau sind. Aber zu gewinnen ist schwer. Bei den Etappenrennen fahre ich auf Gesamtwertung, und die Gesamtwertung ist schon schwer genug. Du musst während des gesamten Rennens gut platziert sein, und das heißt noch lange nicht, dass du gewinnst. Manchmal musst du dich zwischen einem Etappensieg und einem vierten oder fünften Gesamtrang entscheiden.“ Bardet ist vielleicht der nächste Franzose, der die Tour gewinnt. Für den zweiten Platz haben seine Kräfte schon gereicht, und er wird noch besser – was ihn vom Gelben Trikot trennt, ist vielleicht etwas so Einfaches wie ein bisschen Glück. Aber der Eindruck, den er macht, ist, dass er die Tour zwar gewinnen kann, aber nicht gewinnen muss – und ob das ein Vorteil ist, darüber lässt sich trefflich streiten.

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