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Ausgabe 159 / Mai 2017

Einsamer Hai

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Vor dem letzten Wochenende des Giro 2016 hätte niemand Vincenzo Nibali den Sieg noch zugetraut, aber mit einer erstaunlichen Schlussoffensive sicherte er sein zweites Rosa Trikot bei dem Rennen. Der „Hai aus der Meeresenge“ erzählt Procycling, warum er hofft, sich mit einem dritten Titel in diesem Jahr einem erlesenen Kreis anzuschließen.

Mit einem Erfolg beim diesjährigen Giro d’Italia würde Vincenzo Nibali in einen exklusiven Zirkel von nur acht Fahrern vordringen, die die corsa rosa dreimal gewonnen haben. Sein Name würde auch in die Geschichte eingehen als Sieger der 100. Auflage des Rennens, was seinen Status als bester italienischer Fahrer seiner Generation zementieren würde. Trotzdem bedeuten Ruhm, Aufmerksamkeit und Statistik Nibali wenig. Er ist auf einer viel persönlicheren Reise. Mit 16 zog er aus seiner sizilianischen Heimat in die Toskana, um seinen Traum zu verfolgen, überzeugt von seinem Talent und getrieben von seiner inneren, sehr persönlichen Entschlossenheit. „Ich glaube nicht, dass ich irgendjemandem irgendetwas beweisen muss außer mir selbst“, sagt Nibali Procycling in einem Exklusiv-Interview, das eine menschlichere und intimere Seite des zugeknöpften, fast kratzbürstigen Nibali zeigt, den wir von den Rennen kennen. „Ich weiß, wo ich herkomme. Ich kenne meine Vergangenheit. Es war hart, von Sizilien in die Toskana zu ziehen, aber es war das, was ich im Leben wirklich wollte. Indem ich Rennfahrer wurde, habe ich meinen Weg im Leben gefunden“, sagt er. „Jetzt kann ich einen Porsche fahren, weil ich den Giro und die Tour gewonnen habe, aber es kommt mir so normal vor, als würde ich den Bus nehmen. Es ist nichts Besonderes, weil ich nicht vergessen habe, wie ich früher in Empoli mit dem Bus zur Schule gefahren bin, dann nachmittags trainiert habe, und wie es war, weit weg von meiner Familie und meinen Freunden zu sein. Ich habe nicht vergessen, wo ich herkomme“, betont Nibali. 

Er spricht kaum Englisch, seine wahre Stimme wird daher selten gehört von denen, die kein Italienisch verstehen. Es entgeht ihnen etwas, weil er tiefsinnig und emotional sein kann, auch wenn er über den Radsport redet. Seinem Akzent hört man seine sizilianischen Wurzeln noch an, aber er ist eingefärbt mit einem Touch Toskanisch und der Rauheit des venezianischen Dialekts von seinen Jahren bei Liquigas. Sein Pressesprecher Geoffrey Pizzorni, der mit Nibali von Astana zu Bahrain-Merida ging, rät uns, keine banalen Fragen über die Route des Giro d’Italia und seine möglichen Rivalen zu stellen, als wir an einem Abend während Tirreno–Adriatico mit Nibali sprechen. Daher verfolgen wir einen anderen Ansatz, einen, der uns hilft, Nibali, den Menschen, und Nibali, den Grand-Tour-Sieger, zu verstehen. Nibali kann manchmal distanziert und unnahbar wirken, aber das liegt an seiner Schüchternheit. Er sucht sich seine Freunde sorgfältig aus und überlegt genau, wann und wem er Interviews gibt. Bei der letztjährigen Abu Dhabi Tour, noch in den Farben von Astana, lehnte er es ab, überhaupt mit der Presse zu sprechen, wollte keine Minute seiner Zeit opfern. Er zeigte einigen italienischen Journalisten in der letzten Saison die kalte Schulter, nachdem von ihnen ungnädige Überschriften und Kritik in schwierigen Momenten des Giro gekommen waren. Nibali ist Sizilianer – das heißt, dass er ihnen wahrscheinlich nie verzeiht.

Nach seinem Sieg bei der Tour de France 2014 veröffentlichte Nibali seine Autobiografie, die er mithilfe des bekannten italienischen Autors Enrico Brizzi schrieb: Di Furore e Lealtà – Von Leidenschaft und Loyalität. Der Titel fasst ihn zusammen. „Ich glaube, Furore steht für die Art, wie ich Rennen fahre, und meinen Antrieb. Lealtà bezieht sich auf die Loyalität, die ich von den Menschen in meinem engsten Kreis erwarte. Ich glaube, ich war auch immer loyal, wenn ich Rennen gefahren bin und große Rundfahrten gewonnen habe“, erklärt Nibali. Das Buch erzählt von seiner rebellischen Kindheit in Messina und wie sich seine Liebe zum Radsport durch Fahrten mit seinem Vater entwickelte. Nibali nennt ihn liebevoll „Lupo“ – Wolf –, ein Spitzname, den Salvatore Nibali wegen seiner unangepassten Art und seiner Vorliebe zu langen Fahrten im rauen Hinterland von Messina bekam. Vincenzo  –oder Enzo, wie sie ihn zu Hause nennen – bekam ein Fahrrad, als er klein war, damit er keinen Unsinn machte. Er bekam bald den Spitznamen „pulce dei Pirenei“, der Floh der Pyrenäen, dank seiner zierlichen Gestalt. Nibali erinnert sich, wie sein Vater sein erstes Rennrad mit einer Eisensäge zerlegte, weil er ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause gebracht hatte, um es ein paar Wochen später wieder zusammenzuschweißen. Seine Mutter machte sich Sorgen, als ihr Sohn mit 16 alleine in die Toskana zog, aber seine Familie hielt ihn nicht auf. Sie ist jetzt am Ende großer Rundfahrten dabei, um die Erfolge ihres Sohnes zu feiern, und Nibalis Vater macht immer noch Motorpacing mit ihm, wenn er für ein paar Tage nach Sizilien kommt.

Das Buch beschreibt auch Nibalis Entwicklung in der Toskana unter den Fittichen des GS-Mastro-marco-Sportdirektors Carlo Franceschi, dem er sehr nahestand. Franceschi und andere Mitglieder des Amateurteams fuhren mit ihm zu den Rennen und kümmerten sich um ihn. Sie trafen sich im Arbeiterclub von Mastromarco und erzählten sich Geschichten über Radsport. Paolo Slongo ist seit 2008 Nibalis Trainer und dürfte einige wichtige Kapitel von Nibalis nächster Autobiografie füllen. Sie haben die Höhen von Grand-Tour-Erfolgen, aber auch Tiefen wie den schwierigen Winter vor dem Erfolg von 2014 erlebt. Nibali gibt in Di Furore e Lealtà zu, er habe nach seinem Giro-Sieg 2013 vielleicht zu viel gefeiert und „zu viel Lasagne gegessen“. Er trainierte wenig zu Hause, also besuchte Slongo ihn in Lugano und erinnerte ihn an seine Verantwortung als Profi. Es war ein wichtiger Moment in ihrer Beziehung. „Vincenzo sagt oft, dass uns eine Hassliebe verbindet“, sagt Slongo Procycling. „Er weiß, dass ich ihm helfe, aber er hasst mich auch, weil ich ihm sieben Stunden Training verordne, wenn er nur sechs machen will.“

Slongo hat sich im Laufe der Jahre, in denen sie zusammengearbeitet haben, das Vertrauen von Nibali verdient. „Am Anfang war es nicht einfach, mit ihm zu arbeiten, weil er sein Training nicht strukturieren wollte. Er wollte seinem Instinkt folgen“, sagt er. „Ich habe nie versucht, ihn zu etwas zu zwingen, aber nach und nach hat er erkannt, dass spezielles Training, Höhentraining und 100-prozentige Konzentration auf ein Ziel sich bezahlt machen und ihm zu einem Grand-Tour-Sieg verhelfen können. Ich habe seinen Charakter als Fahrer und dass er bei Rennen manchmal improvisiert, immer respektiert, aber ich habe sein Leben und sein Training auch ein bisschen wissenschaftlicher gemacht.“ Er sagt weiter: „Es ist nicht einfach, ihn zu einer Veränderung zu bewegen, denn wenn du versuchst, ihn zu zwingen, schließt er dich aus. Du musst dir sein Vertrauen verdienen und ihn in deine Pläne einbinden, ihm nur gelegentlich einen Schubs geben, etwas zu tun, indem du an seinen Stolz appellierst. Ich glaube, das liegt an seinen Wurzeln, denn die Sizilianer sind als sehr stolzes Volk bekannt. Es ist auch sein Charakter. Vincenzo reagiert, wenn sein Stolz verletzt ist. Seine Fähigkeit, sich zu wehren, wenn er in den Seilen hängt, ist unglaublich. Er zieht sich vielleicht manchmal zurück und nimmt sich Kritik in den sozialen Medien zu Herzen, aber dann kommt er raus und kämpft.“ Er fügt hinzu: „Ich mache mir manchmal Sorgen, dass ihm die Motivation für eine weitere Saison fehlt, aber so ist er nicht. Jahr um Jahr, Erfolg um Erfolg steigt er immer wieder in den Sattel und will weiter fahren.“

Nibali wurde letztes Jahr im November 32 und nähert sich den letzten Jahren seiner Karriere, doch er versichert, dass seine Motivation bei seinem neuen Team Bahrain-Merida unvermindert ist. Die Mannschaft ist auf ihn ausgerichtet; er ist der unumstrittene Kapitän und die Galionsfigur, wobei Ion Izagirre und Janez Brajkovic die einzigen anderen nennenswerten Rundfahrer sind. Nibalis Erfolg 2017 wird maßgeblich für den Erfolg des neuen Teams sein. Nibali gab sein Profidebüt 2005 bei Fassa Bortolo, verbrachte aber einen Großteil seiner frühen Karriere bei Liquigas. Für sie gewann er den GP Plouay 2006 und dann die Vuelta a España 2010 mit erst 25 Jahren, indem er sich auf der schmalen Betonstraße zum Gipfel der Bola del Mundo bei Madrid den Sieg erkämpfte. Obwohl er zu Teamchef Alexander Winokurow mitunter ein angespanntes Verhältnis hatte, blieb Nibali vier Jahre bei Astana (2013 bis 2016). Das kasachische Team profitierte von Nibalis Reife als Rundfahrer, bezahlte ihn gut und unterstützte ihn bei seinem Giro-Sieg 2013, dem Toursieg 2014 und einem zweiten Giro-Sieg im letzten Jahr. Natürlich gab es in Nibalis Karriere einige Tiefen zwischen den Höhen. Er hat fast 50 Rennen gewonnen, darunter zwei italienische Meisterschaften in Folge. Aber er wurde bei der Vuelta 2015 disqualifiziert, weil er sich nach einem Reifenschaden auf der 2. Etappe am Mannschaftswagen festhielt. Er stellte seinen Stolz und seine Glaubwürdigkeit wieder her, indem er die Lombardei-Rundfahrt mit einer Soloattacke gewann. 2016 gewann er den Giro d’Italia, geriet dann jedoch in die Kritik, weil er die Tour de France fuhr, um sich auf das olympische Straßenrennen in Rio vorzubereiten. Er war im letzten Anstieg in Rio in der entscheidenden Gruppe, aber dann stürzte er in der Abfahrt mit Sergio Henao und brach sich das Schlüsselbein, was seine Saison praktisch beendete.

Bahrain-Merida ist erst Nibalis viertes Team in einer zwölf Jahre währenden Karriere nach sieben Jahren bei Liquigas und vier bei Astana. Loyalität scheint für ihn ein wichtiges Thema zu sein. „Mein Vater hat mir immer gesagt: Wenn du mit deinem Job und wo du arbeitest zufrieden bist, solltest du dir gut überlegen, ob du etwas ändern willst, denn du weißt nie, was du vorfinden würdest“, sagt Nibali. „Einige Fahrer wechseln häufig das Team, fast jede Saison, aus ganz verschiedenen Gründen, aber ich glaube, es ist leichter und besser für Rundfahrer, länger bei einem Team zu bleiben. Wir brauchen vielleicht länger, um eine Gruppe von Fahrern und Mitarbeitern aufzubauen, die uns beim Sieg unterstützen kann“, so Nibali weiter. Und er fügt hinzu: „Ich glaube, Liquigas hat mir geholfen, mich als junger Fahrer zu entwickeln. Bei Astana hatte ich schon die Reife, große Rundfahrten zu gewinnen, und das Team hat mir geholfen, den Moment zu nutzen. Jetzt, wo ich bei Bahrain-Merida bin, brauche ich nur weiter zu gewinnen.“ Nibali hatte beschlossen, Astana nach einer Reihe von Streitigkeiten mit Winokurow 2015, die ihren Höhepunkt bei der Tour de France hatten, zu verlassen. Er hatte einen Vertrag bei Trek-Segafredo in Aussicht, der Anfang 2016 platzte, während Bahrain-Merida eine echte Option wurde. Nibali drehte bereits vor der Dubai Tour 2015 mit Prinz Nasser Bin Hamad Al Khalifa von der königlichen Familie Bahrains einige Runden auf dem Rad, und die Pläne für das Team nahmen im Frühjahr 2016 Gestalt an. Nibali war in viele Entscheidungen über das Team involviert und sein langjähriger Manager Alex Carera ist jetzt Business- und Marketing-Manager neben Generalmanager Brent Copeland.

Nibali hat sich mit Fahrern umgeben, mit denen er sich gut versteht, darunter der Sizilianer und frühere Amateurrivale Giovanni Visconti, der seinerzeit auch in der Toskana fuhr, aber für ein anderes Team. Visconti ist Teil der Mannschaft, die Nibali beim Giro d’Italia unterstützen wird – neben Franco Pellizotti, Valerio Agnoli, Manuele Boaro, Ramunas Navardauskas und Kanstantsin Siutsou. Antonio Nibali ist auch endlich im selben Team wie sein älterer Bruder, nachdem Winokurow ihn 2016 bei Astana nicht haben wollte. „Vor zwei Jahren fing alles mit einer Ausfahrt an. Es war nicht einfach, ein Team komplett neu aufzubauen, aber jetzt sind alle Puzzleteilchen an ihrem Platz“, versichert Nibali. Nibali wird für seine Klasse als Fahrer und den Stil, mit dem er einige der größten Rennen gewonnen hat, bewundert: Er ist mutig und angriffslustig, selbst in einem Zeitalter von Wattmessgeräten und Watt-pro-Kilo-Kalkulationen in den Anstiegen. Seine Qualitäten als Fahrer haben den tifosi und Fans in aller Welt immer gefallen. Sein Hang zu improvisieren bedeutet manchmal, dass Nibali einige Rennen verliert oder gegen die kombinierte und kalkulierte Stärke von Teams wie Sky nicht ankommt, aber er möchte es gar nicht anders. „Ich glaube, es ist ein Zeichen für eine gewisse Art von Fahrer. Das alles ist auch eine Frage des Stolzes“, erklärt er.

Die natürliche Angriffslust von Fahrern wie Nibali, Alberto Contador und Peter Sagan wird oft gedrosselt durch die Stärke und Taktik ihrer Konkurrenten. Trotzdem versuchen sie immer, eine geniale Attacke zu fahren, suchen immer ihre Chance zum Erfolg. Nibali fand eine, als er bei der Tour de France 2014 auf dem Weg nach Sheffield im Finale angriff, die Etappe gewann und ins Gelbe Trikot schlüpfte. Dasselbe machte er im Anstieg zum Colle dell’Agnello beim Giro d’Italia im letzten Jahr. Steven Kruijswijk trug nach einem starken Ritt in den Dolomiten das Rosa Trikot, während Nibali sich schwertat und beim Bergzeitfahren zur Seiser Alm 2:10 Minuten verloren hatte. Er schien den Giro abhaken zu können und die italienischen Medien überschütteten ihn mit Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Es hieß, sein Training sei nicht ausreichend gewesen, er sei mental eingebrochen und außerdem habe ihm der Umstieg auf längere Kurbelarme Probleme bereitet. Nibali schwankte, aber er absorbierte auch den ganzen Druck und fuhr weiter sein Rennen bis zu den letzten Bergetappen in den Alpen. Er fand Inspiration zwischen den Schneebänken am Colle dell’Agnello, trieb Kruijswijk in den roten Bereich und nutzte die Gelegenheit, als der Holländer in der Abfahrt stürzte. Am nächsten Tag knackte er auf dem Weg nach Sant’Anna di Vinadio einen erschöpften Esteban Chaves und gewann so den Giro d’Italia zum zweiten Mal.

In seiner Autobiografie nennt Nibali Chris Froome „robotico“ aufgrund der Art und Weise, wie er und sein Team Sky manchmal fahren und ihre Wettmessgeräte nutzen, um ihre Leistung an den großen Anstiegen der Tour zu kontrollieren. „Ich hoffe, ich bin spannender anzuschauen, wenn ich ein Rennen fahre“, betont Nibali seinen eigenen, ganz anderen Stil. „Leider müssen wir heute alle mit unseren Wattmessgeräten fahren, weil du dir damit während eines Rennens die Kraft einteilen kannst. Sie helfen dir, deinen Energieverbrauch zu kontrollieren, und liefern dir andere wichtige Informationen. Aber ich glaube, das Rennen steht oder fällt immer noch mit dem Fahrer. Deine Fitness und Physiologie ist die Grundlage von allem, aber es geht auch darum, den richtigen Moment für den Angriff zu wählen. Wenn du diese Fähigkeit nicht hast, diese Intuition, ist es sehr schwer, Rennen, und besonders schwer, eine große Rundfahrt zu gewinnen“, erklärt Nibali.
Und er fügt hinzu: „Ich versuche etwas zu kreieren, das vielleicht nicht da ist. Es ist auch ein Kampf gegen dich selbst. Als Menschen wollen wir immer besser werden, wir kämpfen mit uns selbst. Es liegt an meiner Persönlichkeit. Ich bin impulsiv im Leben und ich bin auch impulsiv, wenn ich Rennen fahre. Das ist nicht die beste Methode, um zum Beispiel die Tour de France zu gewinnen, aber ich bin, wer ich bin, und es hat für mich ein paar Mal funktioniert.“

Procycling - Ausgabe 159 / Mai 2017



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