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Ausgabe 159 / Mai 2017

Goodbye, Tommeke

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16 Jahre lang hat der Belgier Tom Boonen das Peloton geprägt wie kaum ein anderer Fahrer. Bei Paris–Roubaix beendete der Ex-Weltmeister nun seine Karriere. Ein Abschiedsbesuch bei seinem Lieblingsrennen.

Noch 60 Kilometer und die Pflasterpassagen kommen Schlag auf Schlag. Bis auf den letzten Platz ist das Vélodrome André Pétrieux in Roubaix besetzt, alle blicken nun gebannt zur großen Videoleinwand in der Zielkurve. Plötzlich brandet heftiger Jubel auf, die Stimme des Stadionsprechers überschlägt sich. „Tom Boonen, Tom Boonen“, immer wieder „Tom Boonen“ schreit er mit durch den Klang der großen Lautsprecher verzerrter Stimme. Es ist bereits die dritte Attacke des vierfachen Roubaix-Siegers an diesem 9. April 2017, der sein letzter Tag als Radprofi werden soll. Riesige belgische Fahnen wehen im Velodrom, Fans tragen extra vom Sponsor Quick-Step Floors angefertigte Tom-Boonen-Masken. Die Abschiedsvorstellung eines der erfolgreichsten Radfahrer der letzten 15 Jahre hat begonnen. Es ist kein Zufall, dass dieser Abschied genau auf den holprigen und sandigen Kopfsteinpflaster-Abschnitten rund um Roubaix stattfindet. Die Pavés sind Boonen-Terrain. Seit seiner Debütsaison als Profi 2002 hat der Belgier der „Hölle des Nordens“ kontinuierlich seinen Stempel aufgedrückt: 2005, 2008, 2009 und 2012 darf er jeweils als Gewinner den legendären Pflasterstein in die Höhe strecken – damit ist er gemeinsam mit seinem Landsmann Roger De Vlaeminck, der hier in den 1970er-Jahren dominiert, Rekordsieger des Kopfsteinpflaster-Monuments. Zwei zweite und ein dritter Platz komplettieren die eindrucksvolle Statistik des Quick-Step-Profis. Tom Boonen und Paris–Roubaix – das gehört einfach zusammen. „Es ist nicht so, dass ich Paris–Roubaix absolut liebe – aber das Rennen kommt meinen Fähigkeiten einfach sehr entgegen. Ich bin hier immer gut gefahren“, sagt der mittlerweile 36-Jährige auf der offiziellen Pressekonferenz vor dem Rennen.

Seine Liebe zur „Hölle des Nordens“ beweist er bereits 2002. Tom Boonen ist damals Neoprofi beim amerikanischen Team U.S. Postal Service, gerade einmal 21 Jahre jung, als sein Teamkollege und Kapitän George Hincapie auf einer rutschigen Kopfsteinpflaster-Passage stürzt und alle Chancen auf den Sieg begraben muss. Als letzter Helfer von Hincapie ist Boonen nun die einzige Trumpfkarte für U.S. Postal, nun jedoch auf sich alleine gestellt. Alleine hält er aber auch den Attacken etablierter Größen wie des Deutschen Steffen Wesemann und des Niederländers Tristan Hoffmann stand und wird nach einem langen, harten Tag mit schlammverschmiertem Gesicht Dritter. Die Radsportpresse überschlägt sich, Belgien jubelt über die Plätze eins und drei durch den mit mehreren Minuten Vorsprung enteilten Johan Museuuw und Tom Boonen. Der 36-jährige Museeuw wagt nach dem Rennen eine sich bewahrheitende Prognose: Boonen, so der Altmeister, werde einmal sein Nachfolger. Der Youngster wechselt am Ende der Saison aufgrund besserer Aussichten, auf eigene Rechnung fahren zu dürfen, zu dem Team, dem er seine ganze restliche Karriere treu bleiben sollte: Quick-Step. Nach einer krankheits- und verletzungsbedingt mittelmäßigen Saison 2003 steigt er dort 2004 tatsächlich zum Leader auf: Ins-besondere im Sprint, doch auch bei den Frühjahrsklassikern zeigt sich die Klasse des jungen, kräftigen Belgiers, der mit seinen 1,92 Meter Körpergröße und 82 Kilogramm von einer enormen Urgewalt profitiert. Im Frühjahr gewinnt er den E3-Prijs Vlaanderen, den Scheldeprijs Vlaanderen und Gent–Wevelgem, im Sommer ist er bei der Tour de France auf Augenhöhe mit Topsprintern wie Thor Hushovd oder Robbie McEwen und gewinnt zwei Etappen. Genau wie bei Johan Museeuw 1990 ist auch die Schlussetappe auf den Champs-Élysées darunter.
 
Aufstieg zum Weltstar
In Belgien wird Boonen zu dieser Zeit längst als der neue Radsportsuperstar gefeiert. Und der sympathische Auftritt des damals 23-Jährigen mit den leicht blond gefärbten Haaren trägt dazu bei, dass seine Bekanntheitswerte auch abseits der Radsportwelt in die Höhe schnellen. Wie hoch diese Popularität bis heute ist, zeigt sich unter anderem wenige Tage vor Paris–Roubaix 2017 beim Scheldeprijs Vlaanderen: Zu Ehren von Boonens Abschiedstournee wird der Start in dessen Heimatstadt Mol verlegt – Tausende Zuschauer feiern „ihren Tom“ wie einen Weltstar. „Das war schon einmalig. Ich hätte mir so einen Empfang nie erträumen lassen. Ein weiterer Tag, den ich nie vergessen werde. Danke für die vielen Momente“, ruft Boonen beim Interview mit dem Streckenmoderator ins Publikum. Doch er fügt auch an: „Wenn du deine Karriere als Profi beginnst, bist du dir aber darüber bewusst, dass es irgendwann einmal vorbei ist. Und dieser Tag ist nun gekommen.“ 2005 ist diese Karriere eigentlich noch in ihren Anfängen und doch bereits auf einem ersten Höhepunkt: Boonen knüpft nahtlos an die Vorsaison an und wird beim traditionellen Auftakt der Kopfsteinpflaster-Saison bei Omloop Het Volk Zweiter. Was in den folgenden Wochen folgt, ist allerdings eine Demonstration an Stärke: Nach dem E3 Prijs Vlaanderen gewinnt er nicht nur die Flandern-Rundfahrt, sondern auch Paris–Roubaix: „A legend is born“ titelt die internationale Weltpresse – Boonen scheint unschlagbar. „Ich bin froh, dass ich mich am Ende meiner Karriere befinde“, sagt der niederländische Klassikerspezialist Erik Dekker nach Boonens Double vielsagend. „Mit einem Fahrer wie Boonen werden die Frühjahrsklassiker in Zukunft sehr langweilig.“

Die Krönung seines beeindruckenden Jahres 2005, in dem er im Sommer unter anderem erneut zwei Etappen bei der Tour de France gewinnt, erfolgt im Herbst bei der Straßenweltmeisterschaft in Madrid: In einem packenden Sprint-finale setzt er sich gegen Lokalmatador Alejandro Valverde durch und wird Weltmeister. Zum ersten Mal gelingt es einem Fahrer, Flandern, Roubaix und die WM in einer Saison zu gewinnen. Das Regenbogentrikot ist dabei nicht die letzte Trophäe, die er in die Winterpause mitnimmt: Er wird Belgiens Sportler des Jahres, gewinnt die Radsportehrung Vélo d'Or und zahlreiche weitere Preise – Boonen ist mit gerade einmal 25 Jahren an der Weltspitze angekommen. Zweite Plätze und Topplatzierungen sind von nun an Rückschläge – etwa, als er nach einem erneuten Erfolg bei der Flandern-Rundfahrt als Zweiter bei Paris–Roubaix die Verteidigung des seltenen Doubles verpasst oder bei der Straßen-
WM in Salzburg „nur“ Neunter wird. Die größten Erfolge 2006 und 2007 feiert er bei der Tour de France: 2006 schlüpft „Turbo Tom“, wie er von seinen Fans oft genannt wird, erstmals in das Gelbe Trikot des Gesamtführenden, 2007 holt er erneut zwei Etappensiege beim größten Radrennen der Welt. Als erster Belgier seit Eddy Planckaert gewinnt er in jener Saison zudem das Grüne Trikot des Punktbesten.
 
Auf Ruhm folgen Rückschläge
Noch 35 Kilometer. Rückenwind und Trockenheit sorgen dafür, dass die 115. Auflage von Paris–Roubaix eine extrem schnelle ist. Mit 50 Sachen rasen die Fahrer über die Pavés – nicht einmal eine Stunde wird es mehr dauern, bis der Sieger der 2017er-Auflage den begehrten Pflasterstein in die Höhe strecken darf. 15 Fahrer sind noch an der Spitze des gnadenlosen Ausscheidungsfahrens zu finden – darunter die Topfavoriten um Peter Sagan, Greg Van Avermaet und Tom Boonen. Der Streckensprecher im Vélodrome André Pétrieux in Roubaix fordert nach und nach die Fans der genannten Drei auf, für ihre Stars zu jubeln – zumindest hier ist es ein ungleiches Duell: Fast alle halten bei Boonens Abschiedsvorstellung zu ihrem „Tommeke“. Auch als Greg Van Avermaet und einige andere Topfavoriten sich aus der Boonen-Gruppe lösen und dieser nicht mitfährt, geht der Jubel weiter. Dass heute jemand anderes als Boonen gewinnt, scheint für die meisten Zuschauer unmöglich.

Trotz seiner zahlreichen Erfolge erlebt Boonen in den Jahren 2007 bis 2009 die schwierigste Phase seiner Karriere: Er scheitert daran, mit dem Ruhm und dem damit verbundenen Druck umzugehen – und macht folgenschwere Fehler: Dreimal binnen 18 Monaten überführen ihn Belgiens Dopingfahnder als Rauschgiftkonsumenten. Ihm wird zudem ein Verhältnis mit einer 16-jährigen Niederländerin nachgesagt, einen teuren Sportwagen fährt er in jener Zeit ebenfalls zu Schrott. Dass er in diesen Jahren sein Lieblingsrennen Paris–Roubaix zum zweiten und zum dritten Mal gewinnt, gerät dagegen fast in Vergessenheit. In einem Fernsehinterview schildert Boonen jammernd seine Situation: „Ich habe ein Problem, wenn ich zu viel trinke“, gibt er zu. „364 Tage im Jahr geht es gut, aber an dem einen Tag, an dem ich dann zu viel erwische, verändere ich mich.“ Eine Sperre durch die Verbände droht Boonen nicht, weil Kokain nur im Wettkampf verboten ist, doch der einstige Publikumsliebling läuft Gefahr, seine so begehrte Rolle zu verlieren. Die Fans verzeihen ihm – auch, weil Boonen sportlich weiterhin auf Topniveau fährt. 2010 wird er jeweils Zweiter bei Mailand–San Remo, beim E3 Prijs Vlaanderen und bei der Flandern-Rundfahrt, ehe ihn eine Sehnenreizung im Knie die restliche Saison kostet. 2011 gewinnt er Gent–Wevelgem und wird Vierter bei der Ronde – weitere Stürze verhindern allerdings nicht nur eine weitere Spitzenplatzierung bei seinem Lieblingsrennen Paris–Roubaix, sondern weitere Erfolge im gesamten Jahr. 

2012 ist Boonen deshalb zu Saisonbeginn nicht mehr der große Topfavorit, der er wenige Jahre zuvor noch war, doch bereits beim Auftakt-rennen Omloop Het Niewsblad beweist er als Zweiter, dass mit ihm stärker zu rechnen ist denn je. Nach seinen Siegen beim E3 Prijs in Harelbeke und Gent–Wevelgem reist er erstmals wieder als absoluter Topfavorit zur Flandern-Rundfahrt an – eine Rolle, die er erfüllt: Im Sprint setzt er sich gegen die Italiener Filippo Pozzato und Alessandro Ballan durch und holt damit seinen dritten Erfolg bei der Ronde. Eine Woche später folgt bei Paris–Roubaix die Krönung: 56 Kilometer vor dem Ziel attackiert er gemeinsam mit seinem Teamkollegen Niki Terpstra, doch als dieser nach nur drei Kilometern nicht mehr folgen kann, zieht „Tommeke“ durch: Es folgt eine der beeindruckendsten Solofahrten in der Radsportgeschichte – das Velodrom von Roubaix erreicht er mit über eineinhalb Minuten Vorsprung. Mit seinem vierten Roubaix-Sieg steigt Boonen zum Rekordsieger der „Hölle des Nordens“ auf – gemeinsam mit Roger De Vlaeminck.

Ein Abschied ohne Ehrenrunde
15 Kilometer bis ins Ziel, die Fahrer erreichen den Pavé-Sektor Carrefour de l'Arbre. Rund eine Minute beträgt der Rückstand der Gruppe um Boonen und Degenkolb auf die Führenden Van Avermaet und Co. Eine Minute, die auf dem gefürchteten Kopfsteinpflaster-Abschnitt – einem von drei mit der höchsten Schwierigkeitskategorie mit fünf Sternen – schnell schmelzen kann. „Am liebsten würde ich auf dem Carrefour de l'Arbre attackieren und solo gewinnen“, hat Boonen vor dem Rennen gesagt – und er versucht es in die Tat umzusetzen: Boonen übernimmt die Führung und greift an. Wieder brandet im Velodrom von Roubaix Jubel auf, der Rückstand auf die Führenden verringert sich rasch. Erst 50, dann 40, dann 30 Sekunden. Zwei Kilometer ist der Pflasterabschnitt lang, dann will Boonen, dass seine ihn verfolgenden Mitstreiter die Führungsarbeit übernehmen. Doch die Gruppe ist sich nicht einig. Als es in den nächsten Sektor, Gruson, hineingeht, steigt der Rückstand wieder an. Im Velodrom wird es still. Der Sieger der 115. Auflage von Paris–Roubaix wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Tom Boonen heißen.

Doch Boonen hat in seiner langen Karriere oft genug gelernt, was es bedeutet, mit Niederlagen umzugehen – und das nicht nur wegen seiner Fehltritte Ende der 2000er-Jahre. Nach einem schweren Sturz und einer damit verbundenen Kollision mit einem Verkehrsschild bricht er sich bei der Flandern-Rundfahrt 2013 zwei Rippen – die Verteidigung seines Vorjahres-Doubles ist damit erledigt. 2014 platziert er sich bei der Ronde und bei Paris–Roubaix jeweils in den Top Ten, 2015 muss er wegen eines Crashs bei Paris–Nizza erneut auf die Klassiker-Saison verzichten. Da insbesondere im Sprint vor allem junge Fahrer wie Peter Sagan das Zepter übernehmen, scheint die große Zeit des mittlerweile 35-jährigen Tom Boonen eigentlich schon vorbei. Eigentlich deshalb, weil Boonen 2016 noch einmal zum großen Angriff bläst. Mit mittlerweile 35 Jahren gehören seine früheren Eskapaden der Vergangenheit an. Die einstige blonde Mähne ist einem kahl rasierten Kopf gewichen, Boonen ist ruhiger, erwachsener, fokussierter denn je. Noch einmal bringt er sich in Topform. Paris–Roubaix 2016 soll eigentlich die Abschiedsvorstellung von Fabian Cancellara werden, doch am Ende ist es Boonen, der als Teil einer Spitzengruppe mit den besten Aussichten auf den Sieg das Velodrom erreicht. Dort muss er sich dem Australier Mathew Hayman um nur wenige Zentimeter im Sprint geschlagen geben und wird Zweiter. Die früheren Roubaix-Helden Bernard Hinault und Gilbert Duclos-Lassalle loben später seine kämpferische Fahrweise. Eine Fahrweise, die ihm im Herbst des Jahres in Doha sogar noch einmal die Bronzemedaille bei der Straßen-WM einbringt. Erneut hat es Boonen der Radsportwelt gezeigt, dennoch ist für ihn am Jahresende klar: „Ich bin jetzt seit 16 Jahren Profi und ich spüre, dass es nun Zeit ist, neue Sachen zu machen.“

Die Saison 2017 wird zur Boonen-Abschiedsvorstellung. Bei der Tour of San Luis in Argentinien gewinnt er eine Etappe, bei den Klassikern ist er allerdings vom Pech verfolgt. Paris–Roubaix ist nicht nur sein letztes Rennen, sondern auch seine letzte Chance. Im Velodrom von Roubaix wird es noch einmal lauter, als er als Teil der großen Verfolgergruppe knapp eine Minute hinter der Spitze um Greg Van Avermaet und Co. das Vélodrome André Pétrieux erreicht. Ein letztes Mal geht es auf die berühmt-berüchtigten eineinhalb Runden. Als die Führenden aufgrund von Stehversuchen fast eingeholt werden, hofft so mancher Boonen-Fan noch auf das Wunder – insbesondere, als Boonen eine halbe Stadionrunde vor dem Ende als Erster der Verfolgergruppe den Sprint eröffnet. Doch der Rückstand ist zu groß. Über die Ziel-linie rollt er als 13., die erhoffte Ehrenrunde für den fünften Sieg bei Paris–Roubaix gibt es nicht mehr. „Aber ich habe genug Ehrenrunden gedreht. Ehrenrunden sind für die Sieger“, erklärt Boonen nach dem Rennen. Nach 257 knochenharten Kilometern ist sein Gesicht staubig, doch er lächelt beim letzten Interview an der Strecke. „Ich möchte allen danken, die mir in den letzten 16 Jahren zur Seite gestanden sind.“ Als er das Velodrom verlässt, ist es der endgültige Abschied eines der größten Radfahrers der letzten 16 Jahre. Die Zuschauer ehren Boonen noch bis in den Abend hinein mit Standing Ovations. „Merci, Tommeke! Merci, Tommeke! Merci, Tommeke!“

Procycling - Ausgabe 159 / Mai 2017



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