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Ausgabe 165 / November 2017

Besser spät als nie

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AG2R-La Mondiale hat mit den Klassikern eine neue Mission gefunden, und der belgische Meister Oliver Naesen ist ihr Mann dafür. Nach einem langsamen Start in die Karriere ist er jetzt bereit, die größten Eintagesrennen auf dem Kalender in Angriff zu nehmen.

Als Peter Sagan 2012 und 2013 Tour-de-France-Etappen gewann und Nairo Quintana Tour-Zweiter wurde, stand ein anderer 1990 geborener Mann, Oliver Naesen, an den meisten Tagen um fünf Uhr morgens auf, fuhr 400 Kilometer mit dem Lieferwagen, trainierte im Dunkeln und bereitete sich auf das Leben eines ambitionierten Kirmes-Fahrers vor. „Ich habe jeden Tag 80 Kunden beliefert“, sagt Naesen. „Aufwachen. Arbeiten. Nach Hause kommen. Raus aus den Arbeitsklamotten. Rein in die Radsachen. Ab auf die Straße. Nach Hause kommen. Essen. Schlafen. Sonst nichts. Keine Ruhetage. Kein freier Tag. „Es war nicht“, sagt Naesen weiter, „mein Traumleben.“ Naesen ist ein Spätzünder, auch ungeachtet der Frühreife von Fahrern wie Sagan und Quintana, die schon WorldTour-Rennen gewannen, als sie noch U23 waren. Als sie sich in die Elite katapultierten, krebste Naesen in der belgischen Kirmes-Szene herum und verband Training und Rennen mit einem Universitätsstudium, das er abbrach, und dann mit seinem Job als Lieferant. Radsport ist kein Sport, in dem es Spätstarter leicht haben, daher war Naesen vom Glück begünstigt oder schlicht dickköpfig genug, um es zu schaffen. Seine Mannschaftsgeschichte ist ein bisschen wechselhaft, oder vielleicht sieht es nur so aus, weil wir es gewohnt sind, dass belgische Fahrer in einem der beiden großen Teams – Lotto und Quick-Step – aufwachsen, statt von einem Rennstall zum anderen zu springen. Er fuhr für Topsport Vlaanderen, dann IAM und jetzt AG2R La Mondiale – ein belgisches Nachwuchsteam, eine Schweizer Equipe von Außenseitern und Improvisatoren, dann eine französische Formation, die sich bisher darauf konzentriert hat, französische Fahrer gut abschneiden zu lassen, vor allem bei französischen Rennen. Doch Naesen kam 2017 mit einer Reihe von starken Vorstellungen groß raus, darunter ein dritter Platz beim E3 Harelbeke. Er gewann die belgische Meisterschaft und fuhr anschließend bei der Tour de France aufopferungsvoll für AG2R-Kapitän Romain Bardet, wo er mit seinem taktischen Instinkt und seiner abgeklärten Fahrweise bei Seitenwind Bardets Rennen mehr als einmal rettete. Er hätte bei der Flandern-Rundfahrt durchaus auf dem Podium stehen können, hätte ihn Peter Sagan bei seinem Sturz am Oude Kwaremont nicht mitgerissen. „Sagan hat sehr schnell losgelegt“, sagt er über ihre verschiedenen Starts in die Karriere. „Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, aber ich nähere mich.“

Ein Kandidat für die Klassiker
Beim E3 Harelbeke bewies Naesen, dass er auf dem obersten Niveau angekommen ist. Er hatte das Bretagne Classic in Plouay 2016 gewonnen, aber Naesen gibt zu, dass er an jenem Tag das Glück hatte, in der Ausreißergruppe zu sein, und das Fehlurteil des Pelotons ebenso zu seinem Sieg führte wie seine guten Beine. „Plouay war der beste Augenblick meiner Karriere, aber es gab einen Unterschied. Sie kannten mich und Alberto Bettiol – zwei junge Fahrer – nicht und gestanden uns eine Minute zu. Natürlich war ich an dem Tag gut, aber ich glaube, der Schlüssel war das Peloton – ich glaube, die anderen haben sich verrechnet“, sagt er. „Aber beim E3 habe ich es mit den Besten der Besten aufgenommen.“ Die Besten der Besten bestanden in diesem Fall aus Philippe Gilbert und Greg Van Avermaet, die im Frühjahr E3, Gent–Wevelgem, die Flandern-Rundfahrt, Paris–Roubaix und Amstel Gold gewinnen sollten. Die beiden Ex-Teamkollegen setzten sich am Oude Kwaremont aus einer früheren Ausreißergruppe mit Naesen ab. Obwohl Van Avermaet den Dreier-Sprint in Harelbeke gewinnen sollte und Naesen am kurzen Schlussanstieg, dem Tiegemberg, fast zurückgefallen wäre, war das Rennen ein Augenöffner. Erstens erkannten wir, dass Naesen jetzt ein echter Kandidat für die Klassiker war. Und zweitens hatte sich AG2R still und leise vom Klassiker-Kanonenfutter zu einem starken und einflussreichen Team für die Eintagesrennen entwickelt. Es kontrollierte die frühen Ausreißergruppen, schickte einen wichtigen Fahrer in die größte Gruppe des Tages und sorgte dann dafür, dass Naesen, Van Avermaet und Gilbert die Abschussrampe für den letzten entscheidenden Angriff hatten. „Alles lief nach Plan“, erklärt Naesen die Taktik des Teams. „Am Anfang dauerte es 80 Kilometer, bis die Gruppe wegkam. Unsere Jungs hielten das Rennen so zusammen, dass andere Teams uns fragten, was wir da machen.“

Der wichtigste Punkt für AG2R war der Taaienberg. Die ideale Situation für sie war, mit Alexis Gougeard, einem starken Klassikerfahrer, der einen fünften Platz beim Omloop Het Nieuwsblad zu Buche stehen hatte, in der Gruppe vertreten zu sein. Die anderen mussten nur Naesen bis zum Taaienberg beschützen, bevor Stijn Vandenbergh als Verstärkung dienen konnte. „Wir sagten Denz, Peters, Bagdonas, Houle und Duval: ‚Der Taaienberg ist eure Ziellinie. Ihr müsst nur bis dahin vorne sein.‘ Wir hatten geplant, dass Gougeard in die Gruppe geht, weil er nicht so gut darin ist, mit dem Ellbogen zu arbeiten und zu kämpfen, aber wenn er an der Spitze des Rennens ist und eine starke Gruppe zu ihm auffährt, ist das ein großer Vorteil“, erklärt er. „Vom Taaienberg an ließen wir die Beine sprechen. Es setzte sich eine 15-köpfige Gruppe ab, aber Sagan war da und eine Gruppe mit Sagan kooperiert nie sehr gut. Alle sind einfach ein bisschen entmutigt, dass er dabei ist. Also attackierte ich sofort mit Gilbert, dann kamen Greg und Sep Vanmarcke. Ich sagte Greg und Gilbert: ‚Wir geben zusammen Vollgas, bis wir die Gruppe einholen, und dann ist da jemand von meinem Team, der uns hilft, zumindest bis zum Paterberg.‘ Damit waren alle einverstanden. Wir holten die Gruppe ein, atmeten durch und Gougeard machte die Arbeit.“ AG2R-Manager Vincent Lavenu verpflichtete Naesen gegen Ende der Saison 2016 nach seinem Sieg beim GP Plouay. Nach der Auflösung von IAM Cycling waren viele Fahrer auf den Transfermarkt geströmt, aber Naesen war mehr als eine verfügbare Option mit ausreichend WorldTour-Punkten auf dem Konto. Lavenu hatte große Pläne mit ihm. „Als Lavenu mich letztes Jahr bat, zum Team zu kommen, sagte er mir sofort, dass AG2R an 14. Stelle in der Mannschaftswertung der WorldTour stand. Es sind bei den Klassikern so viele Punkte zu holen; er sagte mir, dass AG2R ein Rundfahrer-Team sei und er jetzt eine Klassiker-Abteilung mit mir und Stijn Vandenbergh aufmachen wolle. „Für mich war es perfekt. Ich war nicht in einer Position, um zu einem beliebigen WorldTour-Team zu gehen und darum zu bitten, ein beschützter Fahrer zu sein, aber bei AG2R ist es möglich und sogar logisch.“ Es war perfektes Timing. AG2R konnte weder einen garantierten Champion verpflichten noch alle Ressourcen für ihn lockermachen, aber man konnte einem ambitionierten Fahrer aus der zweiten Reihe eine starke Basis bei den Rennen und eine Möglichkeit zum Aufstieg bieten. Naesen hätte nicht zu Quick-Step oder BMC gehen und um die Kapitänsrolle bei seinen Lieblingsrennen bitten können, aber er konnte davon profitieren, diese Rolle bei einem kleineren Team zu spielen. Das führte zum dritten Platz beim E3 plus dem belgischen Meistertitel und der knappen Niederlage bei der Flandern-Rundfahrt. Im nächsten Jahr wird Naesen selbstbewusster sein – allerdings von der Konkurrenz auch schärfer bewacht werden.

Alles auf Radsport
Naesens Weg nach oben war kein geradliniger. Er startete mit Rückstand und hinkte lange, lange hinterher. Andere hätten viel früher aufgegeben. „Ich fing mit 16 an. Ich sah mir die Weltmeisterschaft 2005 in Madrid an, die Boonen gewann, und der Typ neben mir sagte: ‚Lass uns nächstes Jahr anfangen, Rennen zu fahren.‘ Anfangs lief es nicht so gut, weil die Rennen superhart sind, wenn du nicht daran gewöhnt bist. In meiner Familie hatte niemand Ahnung, wie man trainiert, daher waren die ersten Jahre ziemlich schwer.“ Naesen gewann sein erstes Rennen erst in seiner letzten vollen U23-Saison, ein Kirmesrennen in Sinaai bei Antwerpen. „Das kleinste Rennen, das du dir vorstellen kannst. In dem Alter waren viele Fahrer schon Profi“, sagt er. Naesen war nicht nur ein Spätzünder im Radsport. Er entwickelte sich auch langsam – mit 18 war er immer noch 20 Zentimeter kleiner als nun als ausgewachsener Mann. Und er musste sein Training mit dem Studium und dann mit seinem Job unter einen Hut bringen. Er brach einen Diplomstudiengang in Sportwissenschaft an der Universität von Gent ab. „Ich hatte mir zu viel vorgenommen. Ich habe zwei Kurse nicht bestanden. Im nächsten Semester habe ich dieselben Kurse nicht bestanden“, sagt er. „Es schien unmöglich zu sein, aber jetzt bedauere ich, dass ich aufgehört habe. Heute würde ich einfach einen Bachelor-Abschluss machen und die Prüfung mit links bestehen. Es gab viele Jungs in meiner Situation, die durchgehalten und das Diplom gemacht haben, aber damals habe ich beschlossen, das Studium zu schmeißen und arbeiten zu gehen. Meine Resultate auf dem Rad wurden immer besser. Bei den Profi-Kirmesrennen fuhr ich Top-Ten-Plätze gegen richtige Profis raus.“ Naesen denkt einen Augenblick nach, dann fährt er fort. „Ich bin jemand, der keine halben Sachen machen kann. In der Schule war ich zu 50 Prozent für die Schule und zu 50 Prozent für den Radsport, aber das Radfahren gefiel mir besser, und die Schule litt darunter. Es ist meine Gabe und mein Problem, dass ich keine halben Sachen machen kann.“ Dann kam der Job als Lieferwagenfahrer, was damit koinzidierte, dass seine Resultate sich weiter verbesserten, obwohl sein Leben nie anstrengender war. „2013 habe ich 45 Rennen auf vielen Ebenen gewonnen. Aber 2014 fingen meine Resultate an nach oben zu schießen. Ich ging zu einem Continental-Team in meiner Region – Cibel – und wir fuhren Rennen wie die Belgien-Rundfahrt. Das war das Jahr, in dem ich erkannte, dass ich das werden will, dass das das Richtige für mich ist. Ich erinnere mich, dass ich Vierter der Ronde van Limburg wurde, und ich war da wie bei jedem anderen Rennen – als Amateur, mit dem Auto, mit einem Waschlappen und als mein eigener Chauffeur. Wir hatten keinen Bus wie die anderen Teams, und ich wurde trotzdem Vierter. Auf dem Heimweg dachte ich: Verdammt, die anderen können ihre Ergebnisse feiern und ich muss morgen früh wieder um fünf Uhr aufstehen.“ Dann kamen Naesens zwei Chancen.
Procycling - Ausgabe 165 / November 2017


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