„Ich hatte keine Angst zu verlieren“

Nach dem Patt in den Pyrenäen musste Andy Schleck in den Alpen in die Offensive gehen, um das Gelbe Trikot zu erobern. Das tat er mit einer beeindruckenden 60-km-Soloattacke.

 

A m Morgen des 21. Juli war Andy Schlecks Traum vom Toursieg in weite Ferne gerückt. Er war Vierter mit 2:36 Minuten Rückstand auf Thomas Voeckler und mehr als einer Minute auf Cadel Evans. Dass er nach zwei zweiten Plätzen in Paris die Tour dieses Mal gewinnen würde – darauf wollte niemand mehr so recht wetten. Zwei Etappen in den Alpen waren noch zu fahren, und die heutige war episch: 200,5 Kilometer lang, mit dem höchsten Gipfel in diesem Jahr, dem Col Agnel, gefolgt von einem der schwersten, dem Col d’Izoard, und dann der höchsten Bergankunft der Tour auf dem 2.645 Meter hohen Col du Galibier.

Neben dem Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief, gab es Kritik an der Taktik der Schleck-Brüder Andy und Frank und ihrem Team Leopard Trek. Die Kritik schmerzte, aber nicht so sehr wie ihre schwache Vorstellung in den Pyrenäen. Dort war erwartet worden, dass das neue Team, das im Winter mit großem Tamtam präsentiert worden war, ein Feuerwerk entfachen würde. Aber am Plateau de Beille – der immer ein entscheidender Anstieg war, wenn er in der Vergangenheit auf dem Programm stand – wurde ein Sitzkrieg ausgetragen.

Als Alberto Contador Schwächen zeigte, hatten die Schlecks die Gelegenheit, ihre Karten als starke Kletterer auszuspielen. Andy initiierte eine Reihe von Attacken, aber kaum, dass er sich minimal abgesetzt hatte, wurde er schon wieder langsamer und drehte sich um, um zu sehen, welchen Schaden er angerichtet hatte – oder vielleicht, um nach seinem Bruder zu schauen. Er war der Einzige, der sich nach seinen Attacken umblickte. Die Franzosen tauften ihn „Torticoli“ – eine Krankheit, bei der der Patient einen steifen Hals hat und den Kopf zwanghaft zur Seite bewegt. Schlecks Angriffe waren nicht überzeugend, seine Tempoverschärfungen wie Körpertreffer mit der Führhand, nicht wie Schläge gegen den Kopf.

Dann kam die Übergangsetappe nach Gap. Auf einem Berg, der auf dem Papier ganz harmlos aussah – der Col de Manse der 2. Kategorie –, versuchte Contador, sich mit einem couragierten Angriff wieder ins Rennen einzuschalten. Cadel Evans folgte ihm, die Schlecks hingegen taten sich mit einer Reaktion schwer. Sie wurden im Anstieg distanziert und fielen in der Abfahrt noch weiter zurück, die Andy wie ein erschrockenes Reh fuhr. Abgesehen von dem Zeitverlust machte sich der Stress bemerkbar. „Wollen die Leute so etwas wirklich sehen?“, nörgelte Andy in Gap über die Abfahrt. Noch mehr Sorgen machte er sich über die Talfahrt ins Ziel nach Pinerolo am nächsten Tag, die er „lebensgefährlich“ nannte. Wenn er seinen Rivalen zeigen wollte, wo er verwundbar ist, war ihm das gelungen.

Eine Wagenburg-Mentalität schien sich im Leopard-Trek-Lager zu entwickeln. Das stand im krassen Gegensatz zu dem selbstbewussten, ja, arroganten Auftreten vor den Pyrenäen, das Stuart O’Gradys abfällige Twitter-Mitteilung vor dem Gebirge perfekt widerspiegelte: „Es wird lustig zu sehen, wie Europcar das Rennen zu kontrollieren versucht.“ Lange, nachdem O’Grady den Twitter-Eintrag gelöscht hatte, kontrollierte Europcar das Rennen immer noch. Diese Zuversicht sah man auch der Taktik des Teams in den Pyrenäen an. Auf dem Weg zum Plateau de Beille führte Leopard Trek das Feld an, als wären sie HTC-Highroad auf den letzten Kilometern einer Flachetappe. Als Absichtserklärung war das unmissverständlich und beeindruckend – was die Wattebausch-Angriffe der Schlecks im Anstieg umso zaghafter aussehen ließ.

Am Morgen des 21. Juli ging Kim Andersen, der Leopard-Trek-Sportdirektor, in Pinerolo die „genauen Einzelheiten“ eines mutigen Plans durch, der zumindest einen der Schleck-Brüder wieder ins Rennen katapultieren sollte. „Wir hatten bereits ein paar Tage vorher eine grobe Strategie“, sagte der andere Sportliche Leiter des Teams, Luca Guercilena. „Die Einzelheiten haben wir am Vorabend besprochen, und am Morgen ging es um die feineren Details.“ Der Plan war einfach – auf dem Papier. Maxime Monfort und Joost Posthuma sollten in eine frühe Fluchtgruppe gehen. Einer der Schlecks sollte aus dem Feld angreifen, die Lücke zu den Ausreißern schließen und seine Teamkollegen nutzen, um auf dem Weg zum Galibier so viel Zeit wie möglich herauszufahren.

 

„In den Pyrenäen hatten wir genau denselben Plan“, erklärt Jens Voigt, warum er und Linus Gerdemann auf der Etappe zum Plateau de Beille in der ersten Ausreißergruppe waren. „Wir sollten Andy und Frank helfen, wenn sie später nach vorn kommen. Es war ähnlich wie der Plan, den wir 2008 bei CSC für Sastre hatten – mit mir und Fabian Cancellara.“ Aber auf der Etappe zum Plateau de Beille stürzte Voigt zweimal. „Ich war immer noch vorn, aber ich hatte nicht mehr die Beine, um ihnen zu helfen“, erklärt er. Ebenso wenig wie ein erschöpfter Gerdemann, was zu Plan B führte: Das Team fährt im Tal en masse an der Spitze. Das, so Andersen, sollte dazu dienen, „die Domestiken der anderen Teams abzuhängen und ihre Kapitäne zu isolieren.“

In den Alpen war man wieder entschlossen, Plan A auszuführen. „Wir hatten schon ein paar Tage lang über die Galibier-Etappe gesprochen“, sagt Guercilena. „Wir wussten, dass es die Etappe war, auf der wir potenziell die meiste Zeit herausfahren konnten. Wir hatten sogar die Fahrer für die Ausreißergruppe ausgewählt – einer musste in der Gruppe Tempo machen, damit der andere Energie sparen konnte.“
 
Es war Posthumas Job, Tempo zu machen, sobald die Gruppe stand; Monfort sollte seine Kräfte für später schonen. Aber erst einmal mussten sie in die Gruppe kommen, was alles andere als einfach war. Da es vor dem Agnel rund 45 Kilometer durchs Tal ging, schlug das Peloton in den ersten 45 Minuten ein Tempo von 50 km/h an. Obwohl es jede Menge Attacken gab, kam keine Gruppe zustande – die beiden Leopard-Fahrer indes mussten bei jedem Angriff mitgehen. Nach 39 Kilometern beruhigte sich das Geschehen schließlich, und 16 Fahrer konnten sich absetzen. Monfort und Posthuma waren dabei.
 
Sobald sie über den Agnel waren, sagt Guercilena, „fuhr Posthuma in der Ausreißergruppe Vollgas bis zum Fuß des Izoard“. Als das Peloton die Hänge des Izoard erreicht hatte, sollte der nächste Teil des Plans umgesetzt werden. „Andy sollte attackieren“, sagt Andersen, „und wenn jemand die Verfolgung aufgenommen hätte, hätte Frank attackiert.“ Aber niemand fuhr hinterher. „Das hat mich nicht überrascht“, sagt Andersen, „weil er sehr entschlossen angriff.“ Dieses Mal drehte sich Andy Schleck nicht um. Er konzentrierte sich verbissen auf die Straße, die vor ihm lag, flog den Anstieg hoch und verfolgte die Ausreißer. Als er die Lücke geschlossen hatte, eskortierte Monfort seinen Kapitän vorbildlich den Izoard herunter und zog ihn dann den Lautaret hoch, bevor er 17 Kilometer vor der Bergankunft zurückfiel. Damit hatte Andy das virtuelle Gelbe Trikot übernommen und sich nur noch mit Maxim Iglinsky und Nicolas Roche auseinanderzusetzen.
 
Obwohl sein Vorsprung – vor allem durch Evans’ Verfolgungsarbeit in der zweiten Hälfte des Anstiegs zum Galibier – schließlich auf etwas mehr als zwei Minuten schmolz, schob er sich auf den zweiten Gesamtplatz vor, mit 15 Sekunden Rückstand auf Voeckler und fast einer Minute Vorsprung auf Evans. Er hatte seine Tour gerettet. Außerdem hatte er einen Solo-Etappensieg gefeiert, der die Bezeichnung „episch“ verdient, und sein Bruder war aus der schrumpfenden Verfolgergruppe heraus auf den zweiten Platz gesprintet. Selbst Andersen, normalerweise so undurchschaubar wie sein früherer Mentor Bjarne Riis, sah zufrieden aus. „Es passiert nicht oft, dass ein Plan so perfekt aufgeht“, sagt er lächelnd.

Am Ende einer der aufregendsten und gewagtesten Attacken eines Favoriten in den letzten Jahren erklärte Andy: „Ich habe die Sache selbst in die Hand genommen. Ich habe mir heute Morgen gesagt: Entweder es klappt, oder es klappt nicht. Ich fahre nicht, um in Paris Vierter zu werden.“ Was er als Nächstes sagte, erklärt vielleicht, was ihn in den Pyrenäen zurückgehalten hat: „Ich hatte keine Angst zu verlieren.“



Cover Procycling Ausgabe 91

Den vollständingen Artikel finden Sie in Procycling Ausgabe 91.

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