Kolumne

Ausgabe 165 / November 2017

Bergfeste Allrounder gesucht

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Einmal Silber – das ist die magere Ausbeute des Bundes Deutscher Radfahrer bei den Weltmeisterschaften im norwegischen Bergen. Einzig Lennard Kämna hatte im Straßenrennen der U23 Edelmetall geholt, ansonsten gingen die heimischen Radprofis komplett leer aus.

Das ist zu wenig für einen Verband mit den Ansprüchen des BDR, der sich mit der Tatsache konfrontiert sehen muss, dass man, sobald die Strecken etwas anspruchsvoller werden, weitestgehend chancenlos ist. Die Gründe für das deutsche Abschneiden in Norwegen sind vielfältig. Bei den Herren musste der eigentliche Kapitän John Degenkolb seine Teilnahme krankheitsbedingt absagen, und sein Nachfolger Nikias Arndt hatte im ungünstigsten Moment einen Defekt. Bei den Frauen waren die Athletinnen schlicht nicht in der gewohnten Verfassung, und im Zeitfahren scheiterte Tony Martin an der Schwierigkeit des Schlussanstiegs. Nach dem Olympischen Straßenrennen von Rio 2016 ist das Ergebnis nun bereits das zweite Warnsignal innerhalb von 14 Monaten. Ein Signal, das darauf hinweist, dass es neben der goldenen Sprinter- und Klassikergeneration um John Degenkolb, André Greipel und Marcel Kittel sowie Zeitfahrass Tony Martin keine Siegfahrer gibt. Sobald die Strecken zu schwer werden, bleiben dem BDR nur Außenseiterchancen. Hier sind vor allem Nachwuchsarbeit und infrastrukturelle Maßnahmen gefragt. Längst hat man es verschlafen, dem Sterben der bergigen Amateurstraßenrennen entgegenzuwirken. Denn ein bundesweit mit flachen Kriterien gefüllter Rennkalender bringt zwangsläufig weniger Bergfahrer hervor. Auch muss die Verantwortung zunehmend auf die Schultern jüngerer Fahrer gelegt werden. Greipel und Martin befinden sich im letzten Karrieredrittel – es wird also Zeit, junge Asse wie Pascal Ackermann, Emanuel Buchmann, Nils Politt oder eben den in Bergen erfolgreichen Lennard Kämna zu stärken. Das gilt umso mehr, als dass 2018 bereits die nächste WM ohne große deutsche Medaillenchancen zu erwarten ist. Die Titelkämpfe in Innsbruck versprechen die bergigsten aller Zeiten zu werden. Einzig Bergfahrer Emanuel Buchmann könnte hier eine Option sein – ansonsten wird Deutschland auch im kommenden Jahr im Medaillenspiegel nicht unter den Besten zu finden sein. Neben vielen anderen Geschichten blicken wir in dieser Ausgabe unter anderem auf den deutschen Auftritt bei der WM in Norwegen zurück.
 
Viel Spaß beim Lesen der neuen Procycling!
 
Werner Müller-Schell
Redaktion

Procycling - Ausgabe 165 / November 2017



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