Kolumne

Ausgabe 104 / Oktober 2012

Siege, Stürze und mehr

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Endlich zurück im Sattel! Nach meiner verletzungsbedingten Auszeit in Folge des Ausstiegs bei der Tour de France konnte ich es kaum erwarten, im August wieder den Rennbetrieb
aufzunehmen. Mit der Eneco Tour stand dabei direkt ein richtig anspruchsvolles Etappenrennen auf meinem Plan. Bei der Rundfahrt quer durch die Benelux-Staaten gab es neben zahlreichen schwierigen Momenten allerdings auch einiges zu feiern.

Bereits auf dem ersten Abschnitt erwischten mein Team und ich einen perfekten Tag und am Ende hatte ich als Sieger allen Grund zum Jubeln. Man muss dazu sagen, dass diese Etappe einfach ideal war, um wieder im Peloton Fuß zu fassen: Die ersten 120 Kilometer verliefen relativ locker und die Geschwindigkeit lag meistens unter 40 km/h. Trotz der fehlenden Rennpraxis kam ich so ohne Krämpfe auf die Zielgerade. Meine Mannschaftskameraden bereiteten mir dann den Sprint perfekt vor und ich konnte mich tatsächlich
vor dem Franzosen Arnaud Demare und Taylor Phinney aus den Vereinigten Staaten durchsetzen. Auch am vierten Tag konnte ich meine Endschnelligkeit unter Beweis stellen und meinen zweiten Sieg feiern.

Dass es gleich zu Beginn wieder so rund läuft, überraschte mich dabei selbst. Trotzdem spürte ich im Laufe der sieben Etappen oft genug, dass mir nach der Auszeit noch einiges an Tempohärte fehlt. Im Mannschaftszeitfahren am zweiten Tag war ich beispielsweise so platt, dass ich kaum einen Meter Führungsarbeit leistete und am ersten längeren Anstieg sogar den Anschluss an unsere Equipe verlor. Und als es auf der fünften Etappe erneut zum Massenspurt kam, war ich einfach zu müde, um überhaupt in die Sprintentscheidung eingreifen zu können. Auf der letzten Etappe beendete ich das Rennen dann vorzeitig. Ich war einfach komplett fertig und es machte keinen Sinn mehr, weiterzufahren.

Eine Woche nach der Eneco Tour ging es dann zu den Vattenfall Cyclassics nach Hamburg. Die gelten ja als Sprinter-freundlicher Klassiker und somit erhoffte ich mir nach den beiden Siegen natürlich auch hier ein gutes Resultat. Ein prima Plan – bis 40 Kilometer vor dem Ziel. O’Grady stürzte rechts vorne im Feld sehr schwer und eine Welle ging durch das Peloton. Ich fuhr zu diesem Zeitpunkt ganz links neben dem Bordstein. Als dann plötzlich ein Astana-Fahrer vor mir hart bremste, konnte ich nicht mehr ausweichen - und schon lag ich da. Zwar zog ich mir keine Verletzungen zu, aber danach verlor ich komplett die Konzentration. Am Waseberg kurze Zeit später war jedenfalls die Luft raus.

Das letzte Highlight meines Rennsommers stellten schließlich die World Ports Classics dar. Die zweitägige Veranstaltung ist neu im Rennkalender und findet zwischen Rotterdam und Antwerpen statt. Für unser Team war das Event aus zweierlei Hinsicht wichtig: Zum einen führten die

Etappen durch die Heimat unseres Sponsors und zum anderen wollten wir hier noch einmal richtig Punkte sammeln, um unsere Aufstiegs-Ambitionen in die WorldTour für nächstes Jahr zu untermauern. Leider ging auch hier der Plan nicht auf: Im Training zuvor hatte ich mich zwar noch gut gefühlt, aber im Rennen selbst lief es dann nicht mehr nach Wunsch. Wir schlugen uns zwar insgesamt gut, aber letztendlich fehlte das entscheidende Quäntchen. Am Ende landete Tom Veelers als Bester unserer Equipe auf Rang vier. Naja - in Zukunft kommen wieder bessere Rennen!

Von diesen besseren Zeiten hoffe ich euch dann beim nächsten Mal berichten zu können. Im Herbst will ich nämlich noch das ein oder andere Highlight setzen. Die Voraussetzungen sind jedenfalls gut: Meine Mannschaft gab mir ein Sprinter-Programm, das mir entgegen kommen sollte. Unter anderem fahre ich wieder beim Kampioenschap van Vlaanderen in Koolskamp. An das Rennen habe ich gute Erinnerungen, schließlich konnte ich es im vergangenen Jahr gewinnen. Außerdem stehen noch das Etappenrennen Circuit Franco-Belge und zum Saisonabschluss die Tour of Beijing in meinem Kalender. Es gibt für mich also noch viel zu tun. Ich freue mich schon auf die letzten Renneinsätze!

Marcel Kittels Profi-Karriere startete Anfang 2011 bei Skil-Shimano. Mit 17 Siegen war der 24-Jährige aus Arnstadt erfolgreichster deutscher Sprinter der vergangenen Saison.

Procycling - Ausgabe 104 / Oktober 2012



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