Kolumne

Ausgabe 113 / Juli 2013

Belgischer Doppelsieg

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Heimrennen sind für eine Mannschaft immer besonders wichtig: Die Sponsoren schauen noch aufmerksamer als gewöhnlich zu, und die Fans feuern ihre Equipe hautnah vom Streckenrand aus an. 
Aus diesem Grund war die Belgien-Rundfahrt für mein Team Lotto-Belisol und mich eine äußerst spezielle Bewährungsprobe. Dass ich am Ende mit zwei Etappensiegen und dem Punktetrikot des besten Sprinters nach Hause zurückkehren konnte, lässt mein Fazit natürlich mehr als positiv ausfallen. Schon jetzt kann ich sagen: In Sachen Tour-de-France-Vorbereitung bin ich auf dem richtigen Weg! Dabei sah es Anfang Mai überhaupt nicht so rosig aus: Kurz nach dem Rennen Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt – früher bekannt als „Rund um den Henninger Turm“ – wurde ich krank. Es erwischte mich so stark, dass ich sogar ein paar Tage lang das Bett hüten musste. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich normalerweise nicht so schnell aus den Socken kippe. Dieses Mal half aber alles nichts: Ich musste pausieren und gesund werden. Ins Renngeschehen eingreifen konnte ich daher erst wieder bei Rund um Köln. Richtig fit fühlte ich mich dort aber immer noch nicht. Eigentlich rollte ich nur an den Start, weil ich es dem Veranstalter Artur Tabat versprochen hatte. Das Resultat war dann auch nicht wirklich vorzeigbar: Platz 109 – mehr war unter diesen Umständen einfach nicht möglich. Dennoch hakte ich das Rennen als gutes Training ab und bereitete mich in den nachfolgenden Tagen, so gut es ging, auf die Belgien-Rundfahrt vor.
 
Das Etappenrennen zwischen der Nordseeküste und den Ardennen war für unser Team in zweierlei Hinsicht wichtig: zum einen, weil es eben unser Heimrennen war, und zum anderen, weil wir nach langer Zeit endlich wieder die Formation unseres Sprintzugs für die Tour de France unter Rennbedingungen testen konnten. Daher trafen wir uns bereits am Montag – zwei Tage vor Beginn der Rundfahrt – und simulierten die Abläufe der Sprintvorbereitung Schritt für Schritt: Wer fährt an welcher Position, wer fährt wie lange, und wie lösen wir ab – das alles gingen wir bis in das kleinste Detail durch. Das war bei acht Grad und strömendem Regen zwar nicht gerade angenehm, aber mit den beiden Etappensiegen konnten wir alles umsetzen, was wir im Vorfeld trainiert hatten. Vor allem der erste Tagesabschnitt machte mir Mut: Obwohl die Strecke sehr kurvig war und der Wind vom Meer sehr stark blies, ließ sich unser Team nicht aus der Ruhe bringen und bereitete den Schlussspurt wie aus dem Lehrbuch vor. Dabei fuhren meine Teamkollegen um Sibi [Marcel Sieberg], Jürgen [Roelandts] und Greg [Henderson] so schnell, dass ich teilweise Probleme hatte, deren Hinterrad zu halten. Es gab nicht viele, die bei diesem Tempo noch um Positionen kämpfen konnten – entsprechend positiv bin ich nun für die Tour de France gestimmt.

Während ich diese Kolumne schreibe, geht die Tour-Vorbereitung nämlich in die finale Phase: Nicht einmal mehr einen Monat dauert es bis zum Start auf Korsika, und der Druck steigt entsprechend. Schon in Belgien standen wir alle unter starker Beobachtung, aber wir konnten der Erwartungshaltung standhalten und zeigen, dass wir in der Lage sind, einem Rennen unseren Stempel aufzudrücken. Das ist besonders wichtig, da ich bei der Frankreich-Rundfahrt erwarte, dass sich die anderen Mannschaften an unserem Sprintzug orientieren werden und somit um mein Hinterrad gekämpft wird. Aber die Konkurrenz schläft natürlich nicht: Cavendish beispielsweise hat einen tollen Giro gezeigt. Leider konnte ich die Italien-Rundfahrt nicht komplett verfolgen, aber er hat bewiesen, dass er auch ohne Mannschaft seine Chancen auf Etappensiege ausnutzt. Mit ihm wird daher zu rechnen sein, genauso wie mit den üblichen Verdächtigen um Kittel, Sagan, Oss & Co. Ich lasse mich von deren Renngestaltung aber nicht aus der Ruhe bringen und kümmere mich in den letzten Rennen vor der großen Schleife um meinen persönlichen Formaufbau: Die Seaports Classic, das ProRace in Berlin und die Deutschen Straßenmeisterschaften werden meine letzten Stationen vor Frankreich sein – dann wird es ernst.
 
André Greipel ist seit 2005 als Berufsfahrer im Peloton unterwegs und zählt zu den schnellsten Sprintern der Welt. Seit 2011 trägt der Rostocker das Trikot der belgischen Lotto-Belisol-Mannschaft.
Procycling - Ausgabe 113 / Juli 2013



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