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Ausgabe 166 / Dezember 2017

Geradlinig und stark

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14 Siege machen Marcel Kittel zu einem der zwei erfolgreichsten Fahrer des Jahres 2017. Mit einer dominanten Ausbeute von fünf Etappensiegen bei der Tour de France im Juli hatte er auf der größten Bühne die Nase vorn und zeigte einmal mehr, wie dominant er auf flacher Straße ist. Procycling hat ihn zu Hause besucht, um auf die Saison zurückzublicken und zu fragen, was noch kommt.

Dass Marcel Kittel anderen Sprintern Angst macht, erkannte ich erstmals bei der Tour de France 2013. Es waren nicht die vier Etappensiege, sondern seine Niederlage in Saint-Amand-Montrond, die bezeichnend war. Sein Team, Argos-Shimano, war bei Seitenwind von einer Koalition von Sprinter- und Klassementfahrerteams ausgeschaltet worden, die Kittel beziehungsweise Alejandro Valverde distanzieren wollte. Noch nie hatten Teams mit so unterschiedlichen Zielen auf einer Tour-Etappe so an einem Strang gezogen – Omega Pharma, Cannondale, Belkin und Saxo Bank schickten ihre Männer nach vorn, und der Abstand wuchs und wuchs. Ich wartete am Argos-Teambus, als die Etappe vorbei war. Mark Cavendish hatte die Etappe gewonnen – zehn Minuten, bevor Kittel ins Ziel kam. Aber manchmal sind Niederlagen interessanter als Siege, und ich wollte sehen, wie Kittel damit umging. Er kam an, das Gesicht voller Schweiß und Schmutz, das Trikot grau vor Staub. „Ich glaube, sie wollten nicht gegen mich sprinten“, sagte er ohne den leisesten Anflug von Enttäuschung. Vielleicht wusste er, dass er eine weitere Chance haben würde, die in Paris kommen sollte. Vielleicht waren drei Siege bis zu diesem Zeitpunkt, zwei auf den vorausgegangenen drei Etappen, bereits genug, um seine Tour so erfolgreich wie nötig zu machen. Gut, Kittel hatte 100 Kilometer gehabt, um sich an die Idee zu gewöhnen, dass er an diesem Tag nicht gewinnen würde, aber ich habe andere Sprinter mit Niederlagen umgehen sehen, und es war anders gewesen – normalerweise Leugnen oder Wut. Cavendish, um ein naheliegendes Beispiel zu nehmen, hasst es, geschlagen zu werden, obwohl er sich heute wohl oder übel damit abgefunden hat, auch wenn er es nicht mag. Robbie Hunter war auf einer Etappe der Tour 2007 so wütend über seine Niederlage, dass er sein Vorderrad anhob und auf den Boden knallte, begleitet von einem lauten Schrei. Fahrer, die mit der Faust auf den Lenker hauen, sind keine Seltenheit. Aber Kittel war die Ruhe selbst, so cool in der Niederlage wie häufig im Sieg, woraus ich schließe, dass Ruhe und Coolness angeboren sind. Die zwei Dinge, die ich in Saint-Amand-Montrond lernte, waren, dass Kittels Rivalen alles in ihrer Macht Stehende getan hatten, um ihn davon abzuhalten, gegen sie zu sprinten, weil sie Angst hatten. Und zweitens, dass Kittel das wusste.

Es sind vier Jahre, drei Monate und elf Tour-Etappensiege vergangen seit jenem Tag in Frankreich. Kittel blickt auf seine Saison 2017 zurück und genießt ein paar ruhige Tage in seiner Wahlheimat Kreuzlingen an der deutsch-schweizerischen Grenze. Er freut sich auf ein paar ebenso ruhige Urlaubstage auf Teneriffa – kein Rad, kein Höhentraining am Teide, nur Strand – zwei Wochen lang. „Ich glaube, es war ein sehr gutes Jahr“, sagt er. „Ich habe fast jedes Ziel erreicht, das ich mir gesteckt hatte. Die einzige Schlappe, wenn man es so nennen kann, war Paris–Nizza, wo ich eine Etappe gewinnen wollte.“ Kittel ist immer gut in die Saison gestartet. In sieben Jahren als Profi war das späteste Datum, auf das sein erster Sieg fiel, der 11. Februar (im Jahr 2013, wobei sein einziger Sieg in der ersten Hälfte 2015, seinem einzigen schlechten Jahr, beim TDU Classic, das kein UCI-Rennen ist, am 18. Januar war). In diesem Jahr fing er im Januar an zu gewinnen – mit drei Etappen und der Gesamtwertung bei der Dubai Tour, gefolgt von einer Etappe bei der Abu Dhabi Tour. „Ich habe nicht damit gerechnet, dort anzutreten und zwei oder drei Sprints und die Gesamtwertung zu gewinnen, aber es lief von Anfang an gut. Ich bin ein Athlet, der in guter Form aus dem Training kommen kann. Ich bin kein Typ, der viele Rennen braucht, um in Form zu kommen“, sagt er. „Philippe Gilbert sagt: Gib mir drei Rennen die Woche – Samstag, Sonntag, Mittwoch, dann wieder Samstag, Sonntag –, und ich werde jeden Tag besser. Aber wenn du das mit mir machst, bin ich nach zwei Wochen erledigt.“ Kittel hat bei Paris–Nizza nichts gewonnen. Es ist ohnehin nicht leicht, Sprints bei diesem Rennen zu gewinnen – schlechtes Wetter und Seitenwind können die Flachetappen schwer machen, und dann wird es hügelig. All diese Dinge sorgen für mehr Chancengleichheit – gibt man Kittel einen klassischen Sprint bei gutem Wetter auf unkompliziertem Terrain, gewinnt er oft, aber diese Dinge kommen bei Paris–Nizza selten zusammen. „Am Anfang hat es nur ein bisschen geregnet, als Démare gewann [auf der 3. Etappe], aber danach blies heftiger Seitenwind und wir waren immer in Gruppen. Es war fast wie ein Klassiker“, sagt er. „Das ist der Punkt, wo ich mit meiner Spezialisierung als reiner Sprinter weniger Vorteile habe und die Jungs, die eher Klassiker-Spezialisten sind, mehr ausrichten könnten, und genau das ist passiert. Ich war immer da. Ich war immer in einer guten Position und habe nie eine Windstaffel verpasst, aber am Ende war ich nicht der Schnellste. An dem einen Tag, an dem ich hätte gewinnen können, hatte ich Probleme mit der Kälte. So ist das einfach.“ Andere Sprinter hätten der verpassten Chance vielleicht hinterhergetrauert, aber Kittel ist nicht gierig auf die Sprints, die er nicht gewinnen kann, nur hungrig auf die, die erfolgversprechend sind. Er führt es auf seine Erfahrung zurück.

Selbst ohne einen Etappensieg bei Paris–Nizza hatte Kittel bis Ende Juni neun Siege verbucht. Dann kam die Tour, die in Deutschland begann. „Fünf Siege in elf Tagen. Das ist nicht schlecht“, erinnert er sich. „Ich war sehr zuversichtlich. Ich war ich selbst, habe nicht versucht, es zu erzwingen. Es kam einfach und es hört sich komisch an, aber so läuft das manchmal im Leben. Ich hatte mich gut vorbereitet, ich war zur Stelle und alles war gut, aber der letzte Schritt liegt nicht immer in deiner Hand. Es hängt auch vom Glück ab, aber ich glaube, ich war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Niemand kam in der ersten Hälfte der Tour an Kittel heran. Er schlug sie alle in Lüttich am zweiten Tag, dann fielen seine Rivalen um wie die Fliegen. Cavendish stellte sich auf der 4. Etappe in Vittel selbst ein Bein, und Peter Sagan, von übereifrigen Kommissären eliminiert, war Kollateralschaden. Arnaud Démare wurde krank. André Greipel, Alexander Kristoff und Nacer Bouhanni waren mittelmäßig. Dylan Groenewegen war unbeständig. Als Kittels gefährlichster Rivale entpuppte sich Edvald Boasson Hagen, der als Sprintanfahrer für Cavendish ins Rennen gegangen war. Doppelsiege folgten in Troyes und Nuits-Saint-Georges und dann in Bergerac und Pau. Kittel war im Grünen Trikot, mit einem gewaltigen Vorsprung. Dann ging alles schief, obwohl man bei einer Tour, bei der ein Sprinter fünf Etappen gewonnen hat, kaum davon sprechen kann. „Nach der 11. Etappe hatte ich Magenprobleme. Das kostete Energie, aber ich habe mich davon erholt“, erinnert sich Kittel. „Dann bekam ich eine Erkältung, was normal ist – wenn du nichts essen kannst, schwächt das deinen Körper, dein Immunsystem wird geschwächt und du erkältest dich. Danach bin ich gestürzt. Mein Körper war am Limit.“ Der Sturz, den Kittel in einer frühen Phase der ersten großen Alpenetappe nach Serre Chevalier erlitt, war an sich nicht so schlimm, aber die akkumulierte Erschöpfung war zu groß. „Ich habe mir die Schulter und die Hüfte geprellt und nach dem Sturz hatte ich wirklich Probleme, normal in die Pedale zu treten. Es waren keine schweren Verletzungen, aber die Kombination von allem – ein erschöpfter Körper und eine Erkältung zusätzlich zu dem Sturz – war einfach zu viel und ich kam nicht mehr in den Rhythmus, den du für diese gewaltigen Berge brauchst. Es passierte im falschen Moment“, sagt er.

Kittel bekommt vielleicht nie eine bessere Chance, das Grüne Trikot zu gewinnen, wobei Michael Matthews den Abstand zu ihm schon von 133 auf neun Punkte verkürzt hatte, als Kittel ausstieg. „Das Grüne Trikot kam, ohne dass ich es in Angriff genommen hatte“, sagt er. „Ich werde nie in die Tour gehen und sagen, dass ich es nicht will, weil die Chance immer da ist. Aber selbst wenn die Situation da ist, wie in diesem Jahr, versuche ich, mich nicht darauf zu versteifen. Vielleicht lenkt es mich von meinem eigentlichen Ziel ab, und das sind Etappensiege. Ich wollte erst mal sehen, wie es in der Wertung aussah. Die 11. Etappe war der Wendepunkt. Ich dachte: ,Das ist der Moment, jetzt oder nie.‘“ Dann lacht der Sprinter. „Einen Tag später ging es mir nicht mehr so gut. Ich dachte: ,Mist, mal sehen, was passiert.‘ Natürlich lief es nicht so gut, aber so ist das im Leben.“ Kittel hatte in jedem Monat von Januar bis Juli gewonnen, aber eine kurze Regeneration und die Notwendigkeit einer längeren Pause hinderten ihn daran, die Serie von Resultaten noch weiter auszubauen. Er versuchte ein Comeback bei der BinckBank Tour, dem EuroEyes Cyclassics Hamburg, aber fuhr keines der beiden Rennen zu Ende. Dann nahm er an ein paar Eintagesrennen teil, um seine Saison und seine Zeit bei Quick-Step abzuschließen. „Vielleicht war die BinckBank Tour zu früh, um wieder einzusteigen“, sagt er. „Das war nicht gut für mich, aber ich habe diese Entscheidung mitgetroffen, also will ich mich nicht beklagen. Ich habe daraus gelernt und würde es nicht noch einmal so machen – die Tour war sehr anspruchsvoll und ich musste auch die mentalen Reserven wieder auffüllen. Ich habe neulich ein Bild von mir von Hamburg gesehen, auf dem ich wirklich erschöpft aussah. Am Ende brauchte ich eine Zeit, wo ich mich ohne Erwartungen wieder aufbauen konnte und meine Freiheit hatte.“

Die Durststrecke, die Kittel gegen Ende der Saison 2017 hatte, ändert nichts an meinem Eindruck, dass er – wenn die Sache unkompliziert und er in Topform ist – der schnellste Sprinter des Pelotons ist. Es gibt Momente, in denen er es einfach aussehen lässt. Bei den Frankreich-Rundfahrten 2013, 2014 und 2017 zum Beispiel oder auf den ersten Etappen der zwei Italien-Rundfahrten, die er bestritten hat. (Er ist neun Straßenetappen des Giro gefahren und hat vier gewonnen.) Seine Überlegenheit verdankt er den beiden einfachsten Elementen des Sprintens: Geschwindigkeit und die Fähigkeit, diese Geschwindigkeit zu halten. Kittel war zu Beginn seiner Karriere Zeitfahrer und wurde Dritter des U23-Zeitfahrens bei der Weltmeisterschaft 2010. Es heißt, dass er bei den Tests für Skil-Shimano, wo er 2011 unterschrieb, so außergewöhnliche Wattzahlen produzierte und so schnelle Fortschritte machte, dass man ihn rasch zum Sprinter umschulte. Sein Hintergrund als Zeitfahrer mag zu seiner ungewöhnlichen Fähigkeit beigetragen haben, sein Spitzentempo bis zu 20 Sekunden zu halten, verglichen mit normalen zwölf bis 15, aber so oder so: Wenn man Kittel freie Fahrt bei einem geradlinigen Sprint gibt, ist die Chance groß, dass er gewinnt.

Procycling - Ausgabe 166 / Dezember 2017


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